Vor 80 Jahren: Ein Eisenbahnwagon, der Geschichte schrieb und zur Geschichte wurde

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Lesedauer 3min

Im August 1914 wurde der Wagen mit Nummer 2419D als einer von insg. 21 baugleichen Speisewagen der französischen Eisenbahn vom Hersteller übergeben und in Betrieb genommen. Der letzte dieser 21 Wagen steht nun im Museum des Waffenstillstands 1918 in Compiègne.

Im Ersten Weltkrieg diente er nach seinem Umbau zum Salonwagen Marschall Ferdinand Foch von 1918 bis 1919 als Stabswagen. Und als solcher wurde in ihm dann der Waffenstillstand 1918 verhandelt und unterzeichnet.

Danach hieß der Salonwagen nur noch „Wagen von Compiègne“ (HIER) und wurde erst in Paris und dann im eigens erbauten Museum in Compiègne ausgestellt.

Nach der Niederlage Frankreichs wurde der Salonwagen eigens für die Unterzeichnung der französischen Kapitulation auf ausdrückliche Anweisung Hitlers aus dem Museum geholt und an gleicher Stelle wie 1918 positioniert.

 

Danach wurde der fahruntüchtige Salonwagen mit einem Schwertransport nach Berlin geschafft und dort ausgestellt. Im Zuge der massiven Bombenangriffe auf Berlin wurde der Wagen mit anderen musealen Wertgegenständen ausgelagert und nach Thüringen verbracht, wo er in Crawinkel, nahe dem Jonastal, wo ein Führerhauptquartier gebaut wurde, abgestellt. Es ist anzunehmen, dass man daran dachte auch den Salonwagen in der Stollenanlage einzulagern, die im Jonastal in den Berg getrieben wurde. In der Anlage, deren Eingänge 1945 gesprengt wurden und deren genaue Lage bis heute unklar ist, werden seit 1945 umfangreiche Einlagerungen von Kunstgegenständen vermutet.
Es könnte aber auch angedacht gewesen sein, dass der Salonwagen dem Oberkommando der Wehrmacht als Stabswagen dienen sollte, da die Region Gotha-Ohrdruf als Ausweichquartier für das OKW vorgesehen war.
Letztlich wurde der in Crawinkel abgestellte „Wagen von Compiègne“ im Zuge der Annährung der 89. US-Infanteriedivision vermutlich von der SS angezündet. Andere Zeugen sprechen von Zivilisten als Tätern oder auch von marodierenden Zwangsarbeitern aus dem Arbeitslager Ohrdruf, die im Jonastal Zwangsarbeit leisten mussten.
In den Nachkriegswirren versuchten französische Suchtrupps den Wagen zwar zu finden, doch die sich rapide verschlechternde politische Lage innerhalb der Siegermächte machte dann ein Aufspüren innerhalb der von Stalin beherrschten und auch zunehmend ausgeplünderten Ostzone (später DDR) unmöglich. Der „Wagen von Compiègne“ wurde offiziell abgeschrieben.

 

Da der ausgebrannte Wagen für Reparationsforderungen in Crawinkel uninteressant war, als der historische „Wagen von Compiègne“ auch unerkannt blieb, konnte die DDR Reichsbahn ihn als Werkswagen wieder herrichten. Der Aufbau wurde repariert bzw. erneuert und somit diente der Wagen der Reichsbahn bis in die 70er. Danach wurde der Aufbau entfernt und der Wagen als „Flachwagen Nummer 17“ bis 1986 im Weichenwerk Gotha genutzt.
Aufgrund der sehr weichen Federung als ursprünglicher Speisewagen hatte er bei den Arbeitern des Werkes den Spitznamen „Kanapee“ bekommen.
Eine polnische Gruppe hat ihn noch vor seinem letzten Umbau in Gotha besichtigen können. Das damals gemachte Video ist HIER zu sehen.

Nach der Wende tauchten Bilder auf, wo Teile der Bronzebeschläge in einer Kleingartenanlage zu sehen waren. Die damalige Reportage konnte sie als Teile des „Wagens von Compiègne“ verifizieren. Alle so wiederentdeckten Teile sind nun wieder in Frankreich und werden dort in Vitrinen ausgestellt. Gleich neben dem letzten der ursprünglichen 21 Speisewagen der Serie, der nun mit der Nummer 2419D versehen und zum Salonwagen umgebaut den Besuchern gezeigt wird.

Video: Geschichte des „Wagens von Compiègne“ in 2min (HIER)

 

Compiegne 1940, Generaloberst Keitel überreicht die Waffenstillstandsbedingungen

Am 25.06.1940, vor 80 Jahren, wurde in ihm zum zweiten Mal eine Kapitulation unterzeichnet. 22 Jahre nach der Kapitulation von 1918. Seitdem ist viel passiert. Europa wuchs zusammen und wird, heute wie damals, wieder auf die Probe gestellt. Das Erbe von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, ein zusammenwachsendes Europa, wird gerade stark belastet. Steht eigentlich schon auf der Kippe.

 

Vielleicht sollte der nächste Gipfel der EU-Regierungschefs mal in der Replik des Salonwagens in Compiègne stattfinden. Als kleine Erinnerung daran, welche Art von Verhandlungen historischer Art eigentlich überflüssig sind, wenn das Wohl von hunderten Millionen Menschen auf dem Spiel steht. Und ein „weiter so“ in Wiederholung zur Farce wird…


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