Sonderausstellung MEMENTO–Im Kraftfeld der Erinnerungen

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Museum für Sepulkralkultur, Kassel
Konzeption: Direktor Dr. Dirk Pörschmann / Ella Ziegler, Künstlerin

Nachdem die Ausstellung LAMENTO – Trauer und Tränen im Museum für Sepulkralkultur dem Phänomen des Weinens und den unmittelbaren Affekten und Emotionen, die der Tod eines nahen Menschen auslöst, gewidmet war, befasst sich nun die inhaltlich anschließende Ausstellung MEMENTO – Im Kraftfeld der Erinnerungen mit unterschiedlichsten Formen des individuellen Erinnerns und Gedenkens an Verstorbene auseinandersetzen.
Laufzeit: 17/10/2020 – 28/02/2021

„Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!“

steht auf einer marmonen Grabtafel von Timm Ulrichs (1969) in Form eines aufgeschlagenen Buches geschrieben. Mit diesem Paradoxon werden die Besucher*innen eingangs in der Ausstellung MEMENTO empfangen.

Weitere elf künstlerische Werke (Fotografie, Video/Film, Skulptur, Installation, Grafik und Performance), die sich mit den Themen des individuellen Erinnerns und Gedenkens auseinandersetzen, werden in der Ausstellung präsentiert und kulturhistorische Zeugnisse der Trauer- und Erinnerungskultur aus der Sammlung des Museums für Sepulkralkultur an die Seite gestellt:

Die Art und Weise, wie Menschen den Verlust von vertrauten und geliebten Personen verarbeiten und darin ihre emotionale Betroffenheit zum Ausdruck bringen, wird neben kulturellen Traditionen, ideologischen und gesellschaftlichen Werten oder kollektivem Geschichtsbewusstsein maßgeblich von individuellen Wesenszügen und von den jeweiligen Lebenssituationen geprägt. Erinnerungen unterliegen – je nach Situation und Lebensphase – einem stetigen Wandel, der ihre Bedeutungen und auch ihren Sinn umfasst. Viele Menschen suchen daher eine persönliche Sprache und Form der Vergegenwärtigung des Vergangenen, indem sie Erinnerungen in sinnliche, erlebbare Handlungen transformieren oder persönliche Hinterlassenschaften als plastische Erinnerungsträger sorgsam aufbewahren. Feierlich, traurig, lamentierend und klagend, laut und extrovertiert, tänzerisch, im Stillen oder in Form von rituellen Handlungen erinnern und gedenken Angehörige und Freunde*innen ihren Verstorbenen und reaktivieren über das Erinnern die Vergangenheit in der Gegenwart.
Bildende Künste, Literatur und Musik bieten die wunderbare Möglichkeit, durch ihre Werke Erinnerungen in ästhetische Formate zu transformieren. Diese Praxis ist einerseits oft selbst Erinnerungsarbeit und macht darüber hinaus den Trauerprozess im Werk nachvollziehbar. Und sie können motivieren, selbst persönliche memoriale Formen zu entwickeln Die Dialoge zwischen den gezeigten internationalen Kunstwerken und den kulturhistorischen Objekten aus der Sammlung des Museums entfalten so einen spannungsreichen Referenzraum. Neben den künstlerischen Werken und den historischen Zeugnissen werden auch ausgewählte virtuelle Erinnerungsformate wie Erinnerungsvideos im Netz und interaktive Webseiten, die individuelle Erinnerungsprozesse initiieren und begleiten, vorgestellt. Des Weiteren informieren wir über die Pilotstudie „Familienhörbuch“ des Universitätsklinikums Bonn, die schwer erkrankten Eltern die Möglichkeit gibt, ihre ganz persönliche Lebensgeschichte für Kinder und Angehörige in einem Tonstudio mit einer Hörfunkjournalistin aufzuzeichnen. Dem Wunsch, bestimmte Orte vor dem Tod ein letztes Mal aufzusuchen, folgt die Arbeit des Künstlers Andrew Kotting (geb. 1959, Kent/GB). Mit zwei überlebensgroßen und aufblasbaren Skulpturen, die seinen Vater und Großvater abbilden, reiste er zu Lebens- und Lieblingsorten, Arbeitsstellen oder Sehnsuchtsorten seiner bereits verstorbenen Angehörigen.

Karsten Krause (geb. 1980, Freiburg i. Br.) hat in seinem Kurzfilm You and Me (2009) aus Super-8-Aufnahmen seines Großvaters die Szenen heraus- und zusammengeschnitten, in denen die Großmutter auf die Kamera und damit ihren Ehemann zugeht. Dadurch ist ein szenografisches Kaleidoskop der Annäherung entstanden, das zugleich die empfundene Entfernung zur verstorbenen Großmutter umso größer werden lässt.

Zeitzeugnisse wie Texte, Bilder, Tonaufnahmen, Objekte oder Relikte vermitteln und verkörpern Vergangenes und sind identitätsstiftende Bestandteile einer Erinnerungs- und Gedenkarbeit, deren ästhetische oder kognitive Natur das bewusste Erinnern an Menschen und Ereignisse unterstützen. So hat Tina Ruisinger (geb. 1969, Stuttgart) zehn Jahre lang all das fotografiert, was Menschen hinterlassen, wenn sie sterben. Dabei konzentrierte sie sich nicht nur auf den Tod, sondern auch auf das Leben der Hinterbliebenen. Mit der künstlerischen Arbeit „Liminal Animal“ (2008) gedenkt die britische Künstlerin Lucy Powell (geb. 1972, Münster) ihrem verstorbenen Kater Eugene, der im Laufe seines Lebens in ihrer Wohnung etliche Schnurrhaare verloren hat. Sie appliziert diese auf schwarzen Samt und präsentiert sie in Form einer Blüte wie eine Devotionalie.
Trauernde suchen auch zunehmend Trost, indem sie ihre Verlust-erfahrungen und Gefühle über Trauerforen oder eigene Blogs im Internet mit Leidensgenossen*innen teilen oder anonyme Beratung in Anspruch nehmen; stets in der Hoffnung, über den erlebten Verlust und das belastende Gefühl der Trauer hinwegzukommen. Die Nähe, der Trost und das Vertrauen, das über die virtuelle Kontaktaufnahme zu Fremden, deren Herkunft unbekannt ist, empfunden und ausgetauscht wird, scheint die Trauernden trotz ihrer Anonymität über die Kulturen, Religionen und Ideologien hinweg zu verbinden. Auf den verschiedenen virtuellen Foren können elektronische Botschaften hinterlassen werden – eine virtuelle Variante jener Kieselsteine, mit denen die Besucher*innen jüdischer Friedhöfe den Toten ihre Hochachtung erweisen. Kulturwissenschaftler Lorenz Widmaier, der zu virtuellen Gedenkformen forscht und schreibt, widmet sich in der Ausstellung mit diversen Arbeiten diesem umfangreichen Thema.
Im Kraftfeld der Erinnerungen treten Erlebnisse, Gefühle, Gedanken und Tote in unser Bewusstsein, und es liegt an unserem Glauben, an unserer Kultur und an unserem Wesen, in welcher Form wir diesen Erinnerungen begegnen und wie wir mit ihnen leben möchten. In vielen Kulturen war und ist die Präsenz der Toten im alltäglichen Leben und Handeln rituell manifestiert. Ahnen werden verehrt, mit Opfergaben beschenkt und mit Nahrung versorgt, sodass sie den Lebenden wohlgesonnen bleiben.

Diese Bräuche werden heute häufig mit individuellen Ritualen durchmischt oder ersetzt. Zudem wurde mit dem Eintritt in die Moderne der Umgang mit den Toten unter pragmatischen und hygienebedingten Gesichtspunkten streng reglementiert, vor denen religiöse Praktiken zurückwichen.
Der französische Künstler Christian Boltanski (geb. 1944, Paris), der sich zeitlebens mit den Themen Leben, Tod und Erinnerung auseinandersetzt, lässt in seinem Schattentheater Théâtre D’ombres die Geister der Toten buchstäblich tanzen. “Seit Jahrzehnten befragt er (…) den Zusammenhang von Leben und Tod – das Verschwinden des Einzelnen und das verzweifelte Bemühen der Menschen gegen das Vergessen und Vergessenwerden.” (Kunstmuseum Wolfsburg)
Alle Exponate, die in der Ausstellung präsentiert werden, sind persönliche Versuche und Formen der Erinnerungsarbeit, die Geschichten von Verstorbenen durch die Stimmen der Hinterbliebenen erzählen.

Direktor Dr. Dirk Pörschmann / Ella Ziegler, Künstlerin


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