Netanjahu: Premierminister mit internationalem Haftbefehl – und nun auch Begnadigungsgesuchsteller

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Es gibt Momente in der Weltpolitik, da wirkt alles wie eine einzige groteske Selbstparodie.
Der Fall Benjamin Netanjahu ist so einer.
Ein Mann, gegen den der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) einen gültigen Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgestellt hat, bittet gleichzeitig seinen eigenen Staatspräsidenten um eine Begnadigung.
Man könnte fast meinen, er wolle sich selbst eine Eintrittskarte in die Geschichtsbücher des Zynismus drucken.

Der doppelte Haftbefehl – ein historischer Dammbruch

Am 21. November 2024 veröffentlichte der IStGH Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu und seinen damaligen Verteidigungsminister Joaw Galant.
Die Vorwürfe sind brutal, klar und beispiellos:

  • Aushungern der Zivilbevölkerung als Kriegswaffe
  • Mord an Zivilisten
  • Verfolgung und andere unmenschliche Taten
  • Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit dem Krieg in Israel und Gaza seit 2023

Es war der erste Haftbefehl in der Geschichte des Gerichts gegen den Führer eines vom Westen unterstützten demokratischen Landes.
Ein politisches Erdbeben – das man im Westen lieber schnell wieder vom Nachrichtentisch wischte.

Doch der Haftbefehl ist gültig. Punkt.

Der Mann, der lieber zuhause begnadigt werden möchte

Und jetzt?
Jetzt wendet sich derselbe Mann an den israelischen Staatspräsidenten Jitzchak Herzog und bittet um Begnadigung.

Ein Premierminister, der wegen Korruptionsdelikten im eigenen Land vor Gericht steht und gleichzeitig international wegen schwerster Kriegsverbrechen gesucht wird, bittet nun quasi um einen Persilschein.

Das ist nicht nur politisch, sondern moralisch ein Offenbarungseid.

Wenn Begnadigung zum Selbstschutzinstrument wird

Herzog lässt die Begnadigungsabteilung des Justizministeriums prüfen.
Alles „nach Verfahren“.
Doch der eigentliche Skandal liegt nicht im Papierkram, sondern in der Tatsache, dass ein Staat ernsthaft darüber nachdenkt, einen international gesuchten Premierminister zu begnadigen, um ihn juristisch zu entlasten.

Ein solcher Schritt wäre ein Schlag ins Gesicht der Opfer.
Ein Schlag gegen jede Vorstellung von Rechtsstaat.
Und ein Freifahrtschein für politische Machtmissbraucher weltweit.

Und als wäre das alles nicht bizarr genug: Trump mischt sich ein

Auch die geopolitische Bühnenbeleuchtung darf nicht fehlen:
Der US-Präsident Donald Trump schickt persönlich einen Brief an Präsident Herzog und fordert, Netanjahu vollständig zu begnadigen.

Man könnte meinen, Trump wolle seinem alten Freund schon einmal einen juristischen Fallschirm packen, bevor dieser endgültig in den freien Fall gerät.

Es ist politischer Druck auf offener Bühne – und es zeigt, wie eng politische Seilschaften über moralische Grenzen hinweg funktionieren.

Israel am Scheideweg

Wenn Israel Netanjahu begnadigt, dann sagt der Staat im Kern Folgendes:

  • Wir schützen unsere Mächtigen, egal was sie tun.
  • Internationale Haftbefehle interessieren uns nicht.
  • Recht gilt nur so lange, bis es für die Elite unbequem wird.

So ein Land nennt man im Volksmund nicht mehr „Vorzeige-Demokratie“.
Man nennt es: ein System, in dem Recht Beugemaschinen besitzt.

Fazit: Netanjahu ist längst eine Belastung – für Israel, für die Region, für das Recht

Dass Netanjahu politisch überlebt hat, lag jahrelang an Tricks, Koalitionstaktik und Angst.
Doch die internationale Justiz lässt sich davon nicht beeindrucken.

Die Haftbefehle existieren.
Sie stehen im Raum.
Sie verschwinden nicht durch ein paar politische Briefe.

Und wenn Israel wirklich einen wegen Kriegsverbrechen gesuchten Premierminister begnadigt, dann fällt der Staat nicht einfach „vom Weg ab“ –
er fährt die moralische Leitplanke mutwillig um und nennt es Verkehrspolitik.


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