NATO: Kriegsspiele sind gefährlich

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Was die HMS Defender, ein britischer Luftverteidigungszerstörer vom Typ 45, dort im diesjährigen Manöver nahe der Krim getan hat, nennt sich wohl Penetrationstest. Es ermöglicht im Rahmen von Manövern und Übungen mit den Mitteln die man im Ernstfall einzusetzen gedenkt einen möglichen Gegner zu testen und seine Reaktion drauf selbst als Übung zu nutzen. Dabei gewinnt man dann optisch, radartechnisch und vor allem elektonisch (SIGINT) relevante Informationen zu Reaktionszeiten, verteidigende Einheiten, Taktik, Führungskommunikation, Frequenzen von Radar und Fm-Verbindungen, der gegnerischen Einsatzbereitschaft und der Dauer der bewusst gewollten und herbeigeführten Eskalation.
Manchmal sucht man Ausreden, um das zu tun. Aber das ist nur für die Empörungspresse. Letztlich geht es darum Informationen zu gewinnen und am Ende seine Strategie auf den Gegner besser anpassen zu können. Selbst besser vorbereitet zu sein.

Zum Vergleich könnte man sagen, dass Ihr Nachbar mal ausprobiert was er sich in seinem Garten so leisten kann, bis Sie genug haben. Oder ob Sie überhaupt gewillt sind ihren Garten und Ihr Haus zu verteidigen. Erst immer lautere Musikbeschallung, dann Massengrillfeste alle zwei Tage, dann mal über den Zaun hüpfen um zu sehen, ob das geht bis zum Badeausflug in Ihren Pool. 
Falls Sie das übersehen dann ein paar Steinchen, die an die Scheibe trommeln. Gern auch nachts. Einfach nur um zu sehen WAS, sie WANN und ÜBERHAUPT machen.
Manche Drohnenpiloten haben so schon ihre Fluggeräte an Schrotmunition verloren…

Und exakt das ist das, was die HMS Defender vor der Krim getan hat. Einem sehr sensiblen Seegebiet, wo es unklare rechtliche Territorialansprüche gibt. Und sie sind unklar, denn so einfach wie gern bei uns dargestellt ist es leider nicht.

Es war eine gewollte Provokation, mit dümmlicher Ausrede und dem klaren Ansatz zu sehen, wie der Russe nun mit was in welcher Zeit und Iteration reagieren wird. Nicht könnte, denn das stand von Anfang an fest. Und ein auf Luftabwehr spezialisiertes Schiff vorzuschicken macht dann auch die Absicht deutlich, was genau getestet werden sollte.

Das machen beide Seiten. Im kalten Krieg war das fast täglich der Fall und seit der Eskalation mit Putin passiert es immer wieder. Im Nordmeer, im Baltikum und nun auch im Schwarzen Meer. Im Pazifik ist das neuerdings etwas schwerer, da die Chinesen es auch nicht gern sehen, wenn man vor Ihrem Gartenzaun solche Spielchen treibt, zumal man mit Russland eine Militärkooperation zur Verteidigung vereinbart hat. Das wurde hier in Europa mal kurz erwähnt. Es verändert aber gravierend die geostrategische Lage.

In der Vergangenheit gingen solche Penetrationstests allzu oft schief. So zum Beispiel 1983 der Flug der Korean Airlines 007, der westlich von Sachalin von den Russen abgeschossen wurde (HIER). Was auch der Wiki-Artikel so nicht sagt ist die Tatsache, dass man fast eine Woche lang die damalige Luftabwehr der UdSSR täglich mit Kampfflugzeugen teste, um so die Operationsmuster und Kommandostrukturen des Gegners exakt analysieren und bestimmen zu können. 
Das bei Wiki vorgeschobene Aufklärungsflugzeug der US-Luftwaffe ist hierbei als Alibi zu sehen. Es wurden damals massiv bewusste und gewollte Penetrationsübungen geflogen. Bis zu dem Punkt, wo die russische Luftabwehr nicht mehr bereit war auf mögliche wirkliche Irrtümer von Piloten im Luftraum einzugehen. Und so wurde der Abschussbefehl erteilt, obwohl man das erkannte Flugzeug als mögliche Passagiermaschine angesprochen hatte.

1988 war es dann im Persischen Golf soweit, als der US-Kreuzer USS Vincennes den Überblick verlor und den iranischen Flug der Iran Air 655 (HIER) vom Himmel holte. 290 Tote waren zu beklagen.
Was kaum bekannt ist ist die Tatsache, dass man mit dem Iran wochenlang Katz und Maus spielte. Diese gedroht hatte die für den Öltransport wichtige Straße von Hormus zu verminen. Die US-Flotte tat daraufhin alles, um diesen für den Welthandel vitalen Seeweg offen zu halten. Kümmerte sich weder um irgendwelche Grenzen noch um internationale Verträge.
Dass man sich parallel mit diversen iranischen Schnellbooten herumschlug und der eigentliche Abschuss dann auf einer Fehlentscheidung aufgrund technischer Fehler basierte, zeigt die Gefahren auf, die bei solchen Manövern schnell eskalieren können.

Gerade zivile Flugzeuge sind bei solchen Tests, wenn sie nicht exakt auf Kurs sind, schnell Zielscheibe. Eben weil sie nicht wissen, in ein Spiel geraten zu sein, das Profis sich ausgedacht haben. Sie halten falsche Funkfrequenzen, reagieren nicht oder falsch auf Warnzeichen und/oder fliegen weit ab vom Kurs. So werden sie schnell zu einer Bedrohung innerhalb eines Szenarios, das jederzeit auch den scharfen Schuss beinhaltet. Als finale Drohung.

Es gibt einen Film mit Richard Widmark und Sidney Poitier „Zwischenfall im Atlantik“ (HIER) der 1965 recht anschaulich beschreibt wie schnell und wie leicht so etwas eskalieren kann. Besonders dann, wenn Ehrgeiz und Kontrollverlust plötzlich Hand in Hand gehen.

 

Operation Crossroads; Baker-Versuch im Bikini-Atoll 1946

Als ehemaliger Nachrichtenstabsoffizier und Soldat neige ich dazu solche Tests als notwendig anzusehen. Zur eigenen Verteidigung ist dieses Wissen unerlässlich, denn es zeigt Schwächen von potenziellen Gegner auf, die man mit einer angepassten Strategie im Ernstfall ausnutzen kann und sollte. Es schont eigene Kräfte, erhöht die Wahrscheinlichkeit zielgerichteter agieren und wirken zu können und macht damit auch „chirurgische Schläge“ möglich.
Natürlich passt auch der Gegner seine Verteidigung an und optimiert seinerseits seine Angriffsstrategien. Denn wer aktive Aufklärung betreibt, zeigt letztlich auch seine Karten auf.

Ergo kann es hier auf beiden Seiten keine weißen und auch keine schwarzen Schafe geben. Die sind eher grau. Und haben dann auch Dreck am Stecken. Wie das so ist, wenn man sich auf Krieg vorbereitet, um den Frieden zu erhalten.

Nur ist der beschleunigte Anstieg solcher Vorfälle in den letzten Jahren ein Umstand, der nachdenklich macht. Das OpenSky-Abkommen wurde ausgesetzt. Andere vertrauensbildende Maßnahmen ließ man auslaufen.

Am Ende könnte es darauf herauslaufen, dass wir wieder Leute wie Oberstleutnant Petrow (HIER) brauchen, um nicht so zu enden, wie es im Film „Zwischenfall im Atlantik“ dann sichtbar wurde. Oder was im Film „The Day After“ 1983 zu einem erholsamen Schock für eine ganze Generation führte.

SIC!

 

 

 

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