Lohfelden: Bürgermeister Uwe Jäger im Gespräch

Lohfelden. Seit einem Dreivierteljahr ist Bürgermeister Uwe Jäger im Amt. Nicht alles Erwartungen sind voll erfüllt worden, manches ist besser und häufig kommt es einfach anders als man denkt. Veränderungen und Herausforderungen machen den Job interessant und alles andere als Langeweile aufkommen. Probleme löst man gemeinsam und Führungsqualität ist im Rathaus gefragt. Nordhessen-Journal- und Treffpunkt-Redakteur Rainer Sander hat mit Bürgermeister Uwe Jäger gesprochen.

Rainer Sander: Herr Jäger, sie sind seit mehr als einem halben Jahr im Amt. Haben sich Ihre eigenen Erwartungen bisher erfüllt?

Uwe Jäger an seinem Schreibtisch (Foto: Rainer Sander)

Uwe Jäger: Ich glaube, man muss einen ganzen Jahreszyklus im Amt erlebt haben, um alles zu bewerten. Was ich unterschätzt habe, ist der tatsächliche Arbeitsaufwand. Auf 60 Stunden in der Woche war ich eingestellt, in Wirklichkeit ist es deutlich mehr.

Rainer Sander: Sie waren nicht unerfahren in der Lohfeldener Gemeindepolitik. Daraus entwickelt man sicher Ideen. Gehen diese auf?

Uwe Jäger: Es gibt Dinge, die man nicht verändern kann, das Rathaus steht immer noch am selben Platz, die Mitarbeiter sind annähernd auf dem gleichen Stand und es gibt finanzielle Zwänge, die Luftschlösser verhindern. Natürlich hat man Ideen und daran arbeite ich auch. Aber das geht nicht innerhalb eines halben Jahres. Vieles entwickelt sich jetzt in intensiver Arbeit und intensiven Gesprächen im Rathaus. Gut Ding will Weile haben!

Auch ein Wechsel der Charaktere

Rainer Sander: Apropos Veränderungen: Ihr berufliche Hintergrund für das Amt ist anders. Herr Reuter war gelernter Pädagoge, sie sind gelernter „Zahlenmensch“. Ist das hilfreich in diesen Zeiten?

Uwe Jäger: Ich war mehr als 22 Jahre beim hessischen Rechnungshof und habe folgerichtig eine Affinität zu Zahlen. Ich bin auch viele Jahre in einem Lohnbüro tätig gewesen und frage bei den Amtsleitern gerne mal das eine oder andere nach, was sie nicht gewohnt waren. Natürlich interessieren mich Haushaltsthemen ganz besonders und mit meinem wirtschaftlichen Denken will ich Positives erreichen.

Rainer Sander: Da hätte ich als Kämmerer jetzt Angst, dass der Bürgermeister alles besser weiß…

Uwe Jäger: Der weiß nicht alles besser, aber er tauscht sich gerne aus. Es geht nicht darum recht zu haben, sondern um den optimalen Weg für die Gemeinde. Und da lasse ich mich auch gerne überzeugen.

 

Wenn sich unerwartet Löcher auftun

Rainer Sander: Lohfelden war nie auf Rosen gebettet, hatte aber auch nie besondere Schwierigkeiten. Eine solide finanzierte Gemeinde. Welche Spielräume gibt es, um den – nicht unerheblichen – Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können?

Uwe Jäger: Das ist genau das, was ich mit den Amtsleitern jetzt angestoßen habe. Wir verschaffen uns im Rahmen der Haushaltseinbringung einen Überblick. Es sind einige Sachen aufgetaucht, mit denen wir nicht zufrieden sein können und ein paar Rädchen drehen müssen. Ich durfte einen Haushalt mit einem Minus von 450.000 Euro einbringen. Das mache ich nicht gerne und das möchte ich nicht wiederholen. In der Vergangenheit haben sich Dinge anders entwickelt, als man ahnen konnte. Das lässt sich nicht mehr ändern, aber seit Januar arbeiten wir daran, die Grundlagen für die Jahre 2018 und 2019 zu legen, damit wir dauerhaft ausgeglichene Haushalte verabschieden können.

Rainer Sander: Woraus resultieren die Schwierigkeiten?

Uwe Jäger: Das sind viele Punkte. Zu denen gehören höhere Abschreibungen auf Sachanlagen, die Personalkosten im pädagogischen Bereich – also den Kindergärten – sind gestiegen, es gab allgemeine Tariferhöhungen und auf gute Jahre folgen dann in den Folgejahren zeitversetzt höhere Kreisumlagen und weniger Landeszuwendungen aus dem Finanzausgleich. Und leider können wir nicht im gleichen Maß die Einnahmen erhöhen.

Kosten senken oder Einnahmen erhöhen?

Auf dem Büro-Balkon (Foto: Rainer Sander)

Rainer Sander: Am Ende bleiben aber nur wenige Möglichkeiten: die zwei wichtigsten Varianten – entweder die Kosten senken, also Leistungen einschränken oder Einnahmen erhöhen, folglich Gebühren anpassen – könnten die Bürger treffen?

Uwe Jäger: Im Moment kann ich nichts ausschließen. Keiner erhöht gerne Gebühren! Ob das immer vermeidbar ist, weiß ich nicht. Aber wir versuchen natürlich auch an der Ausgabenschraube zu drehen. Uns geht es gut in Lohfelden. Wir stehen vor der Entscheidung, ob wir uns weiterhin alles leisten können oder leisten wollen.

Rainer Sander: Lohfelden hat in der Vergangenheit auch mit Leuchtturmprojekten geglänzt, wie die CO2 Neutralität. Bleibt Lohfelden diesem Stil treu?

Uwe Jäger: Die Gemeindevertretung hat vor vier Jahren beschlossen, bis 2030 CO2-neutral zu sein und der Bürgermeister ist daran gebunden.

Rainer Sander: Lohfelden wächst weiter, aber die Baugebiete gehen aus. Die Regionalplanung setzt enge Grenzen. Ist die Planung im Bestand mit höherem Aufwand verbunden?

Uwe Jäger: Wir sind daran, die Innenraumverdichtung voranzutreiben. Es gibt Planungen und Gedanken, die noch nicht spruchreif sind, die wir aber in diesem Jahr vorantreiben wollen. Ob das auch teurer wird, ist noch nicht abschätzbar.

Lohfelden zieht immer noch junge Familien an

Rainer Sander: Der demographische Wandel erreicht auch Lohfelden. Gibt es ein Konzept gegen Überalterung und sinkende Bevölkerungszahl?

Uwe Jäger: Ich bin ein halbes Jahr im Amt und habe vor gut drei Monaten festgestellt, dass die Kapazitäten der Kindergärten erhöht werden müssen. Lohfelden zieht immer noch junge Familien an. Wir haben die höchste Geburtenrate seit 30 Jahren und wenn ich mit geschärften Blick durch Lohfelden gehe, sehe ich ganz viele schwangere Frauen. Ich habe zurzeit keine Angst vor Überalterung. Kassel und seine Umgebung sind zu städtisch und üben „Anziehungskräfte“ aus.

Rainer Sander: Lohfelden hat wenig Highlights, wie Theater und kulturelle Schwerpunkte. Trotzdem wollen viele Menschen gerne in Lohfelden leben. Wie lässt sich das erklären?

Uwe Jäger: ich denke es ist die Mischung. Wir haben in den alten Ortskernen ländlichen Charakter, andererseits aber auch städtisches Flair und die Nähe zum Oberzentrum Kassel. Gemeinden mit solch einem schönen Freibad wie Lohfelden findet man nicht viele und unser Kulturprogramm, mit dem Kulturfrühling, den Festen oder den Konzerten im Löwenhof, kann sich durchaus sehen lassen. Wir haben Grundschulen und eine Gesamtschule mit hoher pädagogischer Qualität, die angenommen werden. Außerdem zwei große Sportvereine und viele kleine Vereine mit einem enormen Spektrum an Möglichkeiten. Wir haben kein Theater, aber Kassel ist gut zu erreichen. Durch das Pendeln und Durchfahren entstehen wieder ganz eigene Schwierigkeiten, wie das Verkehrsproblem.

Rainer Sander: Ich habe in Lohfelden noch nie im Stau gestanden…

Uwe Jäger: Das freut mich, aber wenn auf der A7 ein Stau ist, haben wir einen erheblichen Durchgangsverkehr. Noch schwieriger wird es, wenn Hessenmobil den Anschluss Kassel-Ost und den Anschluss am Rasthof schließt. Dann gibt es nur noch Kassel-Nord und Kaufungen an der A 44. Wir sind für den Erhalt des bisherigen Anschlusses Ost.

Treffpunkt: Was wäre, wenn die A 44 doch am alten Kasseler Kreuz weitergeführt wird?

Uwe Jäger: Dann wären wir von drei Seiten durch Autobahnen eingeschlossen. Tarek Al-Wazir war vor zwei Monaten hier und hat versprochen, dass sich an der bisherigen Planung durch das Lossetal nichts ändert. Darauf verlassen wir uns!

Keine Visionen aber Ziele

Uwe Jäger bei der Amtseinführung im Mai 2016 (Archivfoto: Rainer Sander)

Rainer Sander: Auch wenn erst ein halbes Jahr vergangen ist, gibt es vielleicht Ideen und eigene Visionen?

Uwe Jäger: Es gab mal einen Bundeskanzler, der hat gesagt, wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Ganz so schlimm sehe ich es nicht, aber man muss ein Ziel haben, und das sehe ich für Lohfelden. Dabei geht es aber nicht um Projekte, die einfach nicht jede Kommune haben muss. Ich möchte das Level halten und dann Perspektiven dafür entwickeln, was wir weiter tun können.

Rainer Sander: Kassel unterhält eine Infrastruktur für ein ziemlich großes Umland und hat dadurch Kosten. Wie ist die Rolle von Kommunen wie Lohfelden, wenn es um Finanzierung dieser Infrastruktur geht?

Uwe Jäger: Wir müssen alle zusammenarbeiten. Es ist ein Geben und Nehmen. Wir haben bewusst beim Lohfeldener Rüssel die Zusammenarbeit mit Kassel gesucht. Unser Behördenbezirk „Gefahrgut“ ist ein gutes Beispiel, bei dem wir mit anderen kooperieren. Zu diesen interkommunalen Gedanken stehe ich auch!

Rainer Sander: Es gibt nicht nur keine Baugebiete, sondern auch Flächen für Gewerbegebiete fehlen. Oder gibt es hier noch Entwicklungsmöglichkeiten?

Uwe Jäger: Die gibt es dann, wenn jetzt, nachdem die Autobahnplanung feststeht, Kaufungen seine Gewerbeflächen ausweiten will und damit zwangsläufig auf Lohfeldener Gebiet gerät. Dann würden wir uns daran beteiligen. Das sehen wir auf einer Zeitachse von zehn Jahren, aber die ersten Gespräche haben schon stattgefunden.

Rainer Sander: Das neue Jahr hat begonnen, was sind ihre ganz persönlichen Wünsche?

Uwe Jäger: Dass wir alle gesund bleiben! Ohne das ist alles andere nichts!

Rainer Sander: Herr Jäger, vielen Dank für das offene Gespräch!

Das Interview ist außerdem gedruckt im Treffpunkt Lohfelden der Wittich Medien KG (www.wittich-fritzlar.de) nachzulesen. (rs)

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