Hochwasser: Wo waren die Vorbereitungen? Staatsversagen?

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Es wurden 200 Liter/m² ausgelobt und mit dem Zusatz versehen, dass das dann die Regenmenge wäre, die sonst in drei Monaten fällt. Nur sollte sie innerhalb von drei Tagen fallen. Ein Hochwasser war rechtzeitig angesagt.

Liter ist ein Volumenwert, der in ein Verhältnis gepackt wird, und der letztlich dazu führt, dass eine bildhafte und damit vorstellbare Umrechnung schwierig ist. Das Vorstellungsvermögen so nicht ausreicht.
Einfach ausgedrückt hätte man das so beschreiben können und wohl auch müssen:

Es wird die gesamte Region über drei Tage verteilt mit 20cm unter Wasser gesetzt!!!

Jedes Dach, jede Straße, jedes Feld und jede Fläche. Und jede oberflächenversiegelte Fläche (Straßen, Dächer, Parkplätze,…) wird das Wasser sofort an die Kanalisation und die offenen Gewässer abgeben.
Und diese Gewässer werden daher in kürzester Zeit das Sammelbecken für ALLE Abflüsse aus der Region sein. daher auch innerhalb von Stunden immens ansteigen.

Weiterhin hätte klar sein müssen, dass damit die Pegel bei einsetzendem Regen am Nachmittag logischerweise erhöhte Pegel in der Nacht verursachen würden. Wenn die Menschen schlafen. Die Lage nicht beobachten und somit auch nicht abschätzen können. Hilflos sein werden!

Ahrweg: Ahr zwischen Ahrweiler und Bad-Neuenahr bei Normalwasser

 

Ahr beim Casino in Bad-Neuenahr

Ich war von 1998 bis 2000 in Bad-Neuenahr stationiert und kenne den Fluss. Die Wassertiefe im Sommer beträgt 30-50cm. Bei starken Regenfällen schwillt er recht schnell an. Ab einer Wassertiefe von einem Meter erkennt man diesen Fluss nicht wieder. Es bilden sich Stromschnellen und der Fluss entwickelt eine Kraft, die unglaublich ist, wenn man diesen Idyllischen „Bach“ im Hinterkopf hat.
In der Nacht von Donnerstag wurden hier Pegel von 4 Metern gemessen. Soll heißen, dass dieses recht gut kanalisierte Bachbett komplett gefüllt ist. Von Baum- zu Baumreihe oder von den Bäumen bis zur Casinowand.

Foto: Michael-Lentz: Die Ahr an gleicher Stelle beim Casino…

So sieht das an der Stelle aus, die wohl am besten ausgebaute Stelle entlang der Ahr ist. Weiter flussaufwärts, in den Schleifen, die sich durch enge Täler schlängeln, wie in Schuld, sieht das aber anders aus. Da ist das Flussbett zum Teil nur fünf bis zehn Meter breit. Es gibt keine natürlichen Ausweichflächen und Starkregenfälle werden dort dann zum Fiasko. 

Man kann nicht sagen, dass das Problem in solchen Gebieten und Regionen nicht bekannt ist. Die Ahr war ein gut gezähmter Fluss. Sie ist einer der wenigen Flüsse, die das Eifelwasser zum Rhein abfließen lassen und ist für die gesamte Südeifel verantwortlich.
Das heißt aber auch, dass das Wasser der gesamten Südeifel, das dort flächendeckend(!!) 20cm hoch fällt über diesen einzigen Weg abfließen MUSS. Und darauf waren die gewässertechnischen Baumaßnahmen eben NICHT ausgelegt.

Das Wasser schwoll innerhalb von fünf Stunden um fast vier Meter an. Das ist die Höhe von normalen Brücken und Unterführungen. Dazu wird es durch die Flussschleifen in den Tälern im Abfluss gebremst und zusätzlich aufgestaut. Das wurde dann dem Ort Schuld zum Verhängnis.

Google-Maps: HIER

Ahrtal: Sat-Aufnahme Ortschaft SCHULD

Man kann sich nun gut vorstellen, was es bedeutet wenn sich die Wassermassen durch diese engen Schleifen des Ahrtals wälzen. Und was es bedeutet davon im Schlaf überrascht zu werden. Ungewarnt. Trotz klarer Vorhersage und dem Wissen, dass zwei Meter über Normal schon immer eine Kraftprobe zwischen Fluss und Mensch war. Seit jeher, und nicht erst seit der Klimadebatte.
Darum bauten die alten Bewohner des Tales ihre Häuser auch an die Hänge und auf Anhöhen entlang des Flussbettes. Nicht hinter die Deiche. Und schon gar nicht in ebenen Flussschleifen…

Aber das Ahrtal ist und war ein begehrter Ruheort. Ahrweiler hat eine Millionärsdichte wie sonst nur Frankfurt. Das Tal selbst ist ein Tourismusmagnet. Kurort reiht sich an Kurort. Die Grundstückpreise erreichten astronomische Höhen durch immerwährende Nachfrage. 
Daher wurde auch dort gebaut, wo man sonst nicht bauen würde.  Auch Seniorenresidenzen wurden so errichtet. Wie in Sinzig, an  der Ahrmündung in den Rhein. Auch hier liegt das alte Sinzig auf dem Berg südlich der Mündung…

Dieser kleine Exkurs soll verdeutlichen WAS GENAU bei GEGEBENEN und BEKANNTEN Bedingungen zu erwarten war. Es bedarf dazu keines Gewässerbauexperten um abzusehen was passieren könnte wenn nun doppelt bis dreimal so viel Wasser kommt wie bisher jemals die Ahr runterkam.

Frage: WAS haben die Behörden PROAKTIV und vorausschauend unternommen?

Antwort: Die Menschen wurden im oberen und mittleren Flusstal im Schlaf überrascht. Und das sagt alles!

Dazu kam, dass die Fluten die Infrastruktur im Tal zerstört haben. Strassen und Rettungswege wurden unterbrochen. Einsatzkräfte mussten teilweise durch die Weinberge anrücken, deren Wege auch unterspült worden sind. Und eben diese Rettungsmannschaften mussten erst noch alarmiert werden. Sich sammeln. Sie waren nicht in Bereitschaft und räumlich verteilt vorgehalten worden.

Es fuhren keine Lautsprecherautos durch die Ortschaften. Und als das Stromnetz zusammenbrach, in der gesamten Region(!), war auch Fernsehen und Rundfunk keine Informationsmöglichkeit mehr. Zumal der WDR sich auch nicht vorbereitet hatte. Selbst mit Ressourcenausfällen kämpfte, so die eigene Aussage zu Wuppertal und dem Flussproblem dort. Der WDR hat sich hier insgesamt als wenig nützlich oder gar hilfreich erwiesen. 

Vermutlich hatte der WDR zu dem Wetter wieder eine Meinung aber kaum sachgerechte Information vorbereitet. Greta lag wohl schon mit ihren „Visionen“ in der Schublade bereit. Als meinungsbildender Wahlkampfbeitrag für die Grünen…

Doch selbst wenn der WDR gewarnt hätte, auch über Rundfunk, war nach dem Stromausfall alles auf batterie- und akkubetriebene Radios oder das mobile Internet angewiesen. Und auch letzteres brach weg, weil die Umsetzer für den Mobilfunk keinen Strom mehr hatten. Damit blieben die Menschen ohne Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten in der Nacht allein, als der Fluss alles mit sich riss. Jeder für sich. Teilweise nur durch ein paar Meter vom höhergelegenen Gelände entfernt, das durch die reißenden Fluten aber nicht erreicht werden konnte.
So starben sie dann in dunkler Nacht. Teilweise in Sichtweite der Nachbarn. 

Das mag emotional ausgedrückt sein. Betroffen machen. Und um ehrlich zu sein, soll es das auch. Am Ende stirbt immer jeder für sich. Nur hier war das überflüssig.

Was zu beobachten war, waren Kreis- und Stadtverwaltungen, die mal die Nacht abwarten wollten um zu sehen, wie das am Morgen aussieht. Ob es wohl so schlimm werden würde. Und man dann mal entscheiden müsste, was zu tun wäre.
Man kann sicher sein, dass sie das Problem auf dem Plan hatten. Nur halt in reduzierter Dringlichkeit. 200 Liter/m² klingen halt anders als 20cm Wasser auf die gesamte Fläche ihres Verantwortungsbereichs.

Man kann sogar darauf wetten, dass THW und Feuerwehren sich geistig schon auf den Krisenfall vorbereitet haben, eigentlich die „Sitzbereitschaft“ erwartet haben. Vielleicht sogar mal angefragt haben, ob es nicht sinnvoll wäre gerade die freiwilligen Feuerwehren und THW-Einheiten zu mobilisieren und bereitzuhalten, was natürlich Geld gekostet hätte. In der Eifel samt Vorland, im Sauerland, im Saarland und entlang der Rheinschiene.

Man hätte proaktiv natürlich auch schon die Stauseen entlang der Eifel und ihrer Ausläufer leeren können. Nicht erst, als sie sich füllten. Es waren zwei Tage Zeit. Aber Klimawandel und die daraus resultierende mögliche Wasserknappheit schafft eigene Vorstellungen bei Verantwortlichen. Jetzt laufen Talsperren über. Dämme werden mürbe. Dammbrüche samt Flutwellen drohen entlang der Erft und ihrer Zuflüsse.

Hochwasser durch Starkregen gab es schon immer. Ende der 90er kurz vor Weihnachten gab es entlang des Rheins zwei Hochwasser in drei Wochen. Innerhalb eines Monats soffen die Menschen zweimal ab. 
Auch das Hochwasser an der Oder sei erwähnt. Oder das an der Mulde.

An alten Kirchen gibt es oft historische Hochwassermarken die bezeugen, dass die Flüsse schon immer ihren Tribut forderten. Und ihn sich holten. Regelmäßig. Klimawandel hin oder her.
Eigentlich war so eine Sintflut samt Hochwasser statistisch schon längst wieder überfällig!

Und nun pilgern die Politiker aus Bund und Land zu den Opfern und werden wieder vom Klima sprechen, wenn sie Wetter meinen. Ein kleiner Unterschied, den manche Gestalten nie begreifen werden. Bei Baerbock darf man sich da so gar sicher sein.
Versuchen allesamt krampfhaft den Stoiber-Effekt zu vermeiden. Denn Stoiber wollte damals im Wahlkampf nicht zu den damaligen Opfern der Überschwemmung gehen, um Rettungskräfte nicht unnütz zu behindern. Eine noble Geste, die ihm aber nicht hoch angerechnet wurde.
Schröder stampfte medienwirksam mit Gummistiefeln die überfluteten Straßen entlang und konnte punkten. Stoiber halt nicht.

Jetzt werden also die Opfer von Spitzenpolitikern besucht werden, die mit mitleidiger Miene Hilfe versprechen. Klar in Aussicht stellen. Unbürokratisch natürlich. Wie immer. Und wie das aussieht, werden wir wieder – auch wie immer – sehen. 

Versicherungen haben schon vor Jahren die Risikozuschläge für ihre Policen angepasst. Manche Lagen komplett außerhalb dessen gestellt, was sich versichern lässt. Oder was sie noch versichern wollen. Egal zu welchem Preis. Und lange bevor man vom Klimawandel faselte. Einfach als Ergebnis von statistischer Erwartung und neubesiedelter Fläche in Risikolagen. 
Manche Verträge von Immobilienbesitzern weisen auch den Passus auf, dass wenn sich die Risikobewertung in der Vertragslaufzeit für das Objekt ändert, der Versicherungsschutz um X Prozent reduziert wird. Oder entfallen könnte. Man darf also gespannt sein.

Unter dem Strich werden uns Politik und Behörden viel zu erklären haben. Den überlebenden Opfern, den Angehörigen von den Toten und dem Rest der Bürger in diesem Land.

Unser aller Beileid und Mitgefühl gilt den Opfern und Angehörigen dieser Katstrophe. Es werden wohl bald Spendenkonten und Sammelstellen für alltägliche Gegenstände (Kleidung,..) eingerichtet werden, wo unbürokratische und schnelle Hilfe gewährt werden wird. Wir bitten darum diese Hilfsstellen zu unterstützen!

Und wir bitten auch zu beachten, dass „safty first“ gerade jetzt wichtig ist. Es gab genug Opfer.
Bitte beachten Sie die Hinweise der Einsatzkräfte zur eigenen Sicherheit:

Feuerwehr ist im Dauereinsatz und warnt eindringlich!

Hier noch einmal eine Meinung aus der Region Ahrweiler. Einfach mal anhören…
( Christian Lohmeyer: HIER)

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