Befreit aus Geiselhaft Teil 3 – Gefangenschaft und Folter

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Gefangenschaft

Ich weiß nicht, wie viele Minuten seit dem Überfall vergangen sind. Mir kommt es ewig vor, dass ich das letzte Mal etwas gesagt habe. Mir ist sehr heiß, mein Puls geht nachwievor zu schnell, alles ist anstrengend. Und dann die blöden Haare im Gesicht. Das Atmen fällt schwer. Ich versuche, mich runterzubeamen. Ständig patrouilliert jemand vor mir vorbei. Es sind definitiv mehrere Entführer, die auch ab und an gegen meine Füße treten, damit ich nicht auf dumme Gedanken komme. Als ob das meine größte Sorge wäre! Wenigstens habe ich eine halbwegs entspannte Sitzposition an der Wand mit aufgestellten Beinen.
Da höre ich ein Husten. Ich dachte bislang, ich sitze hier mutterseelenalleine. Jetzt erst bemerke ich, dass da andere Geiseln sein müssen, meine anderen Kollegen. „Kam das von meinen Teammitgliedern?“,
frage ich mich. Mich durchflutet Erleichterung. Ich bin nicht allein, die anderen sind auch da. Aber da wir nicht sprechen dürfen, gibt es keine Möglichkeit, sich zu verständigen.
„Clever“, denke ich, „dass da einer hustet. So weiß ich jetzt wenigstens Bescheid.“
Durch den Sandsack sehe ich nur Konturen, doch ich behalte den Blick immer in Richtung der Containeröffnung, um wenigstens halbwegs abschätzen zu können, ob jemand kommt. Aber plötzlich kommt jemand von links und schnüffelt wieder an mir. Hinterher erfahre ich, dass die „Entführer“ das auch mit den Männern in der Gruppe gemacht haben. Das gehört zu den Mitteln der dunklen Seite der Psychologie, ist kalkuliertes Machtgehabe, ein Power Move, der selbst dann seine einschüchternde Wirkung nicht verfehlt, wenn man ahnt oder weiß, dass Entführer solche Machtspielchen spielen. Paul Watzlawick, den viele von der „Anleitung zum Unglücklichsein“
kennen, nannte dieses Power Game „One up – one down“. Wer einen anderen erniedrigt, stellt sich automatisch über ihn und schlägt so zwei Fliegen mit einer Klappe. Insgesamt aber bin ich mental gefasster, als man den Umständen nach vermuten dürfte. Eine leise Zufriedenheit steigt in mir hoch. Ich bin ganz schön stress-resistent! Die Schnüffelei macht mir wenig; Watzlawick kann mich mal. Auch der durchdringend tiefe Brumm-Ton, den die Entführer
über Lautsprecher aufgedreht haben und der manche meiner Kollegen in den Wahnsinn trieb, wie ich danach erfahre, beruhigt mich eher. Dann höre ich, wie Entführer nicht nur vor mir auf und ab gehen – offenbar ist auch jemand auf dem Dach des Containers und geht dort hin und her. Stört mich alles nicht. Ich blende das aus, behalte nur den Eingang mit seinen Lichtund-Schattenspielen im Blick.

Ich konzentriere mich darauf, meine Atmung zu kontrollieren. In Gedanken versuche ich wieder die Atemübung. Die gelingt mir auch beim zweiten Anlauf nicht so richtig. Von daher fange ich in Gedanken an, Schach zu spielen, meine mentale Coping Strategy. Das mache ich sowieso jeden Abend, also erinnere ich mich an ein paar Aufstellungen und spiele gedanklich einige Züge durch.
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich dort sitze. Plötzlich höre ich Autos vorfahren. Da geht es auch schon wieder los.

David gegen Goliath

Jemand zerrt an meinen Armen und zieht mich hoch. In dem mir schon bekannten Griff werde ich unerbittlich und für mich viel zu schnell vorangestoßen, wahrscheinlich in Richtung Auto.
Wieder werde ich auf die Rückbank geschmissen. Und wieder ist die Autofahrt eine Erleichterung, weil ich ein ganz wenig sehe und besser atmen kann. Atmen durch den Sandsack – das liebste Geisel-Hobby.
Bei Ankunft das gleiche Procedere wie vorhin. Mein ganz persönlicher Entführer stößt mich aus dem Auto und voran. Wohin, keine Ahnung. Meine Orientierung ist jetzt völlig weg. Irgendwann hält er an. Ich merke: Hier ist es stickig und heiß. Ich werde mit dem Gesicht vor eine Wand gestellt, die sich nach Beton anfühlt. Jemand löst den Kabelbinder und nimmt meine Hände wieder hoch, sie werden über meinen Kopf an die Wand gelehnt. Meine Beine werden
mir von hinten auseinander und nach hinten getreten, so dass ich in einem krassen Winkel zur Wand stehe. Anstrengend, schon nach kurzer Zeit! Hinterher, im Video, bei der Aufarbeitung sehe ich: Dieser Raum ist voller Terroristen.

Jetzt geht das Mental Game so richtig los.
Ich versuche, mich an die Regeln der Geiselnehmer zu halten. Nicht so sehr, um ihnen gemäß Stockholm-Syndrom zu gefallen, sondern um ihnen zu beweisen, dass sie mich nicht so schnell klein kriegen. Der Psychologe erklärt mir später, dass es vielleicht auch gut gewesen wäre, nicht so lange durchzuhalten. Das hätte zwar möglicherweise (zumindest im echten Fall) eine Bestrafung nach sich gezogen, aber: Geiselnehmer wollen Kontrolle über ihre Geiseln und ihnen die Kraft rauben. Wenn ich also so tue, als könne ich nicht mehr, obwohl ich noch Kraft habe, würde ich ein wenig Kraft aufsparen können. Das wusste ich in diesem Keller aber noch nicht. Stattdessen werde ich ein wenig bockig und denke: „Ihr könnt mich alle mal. Ich halte mich jetzt stur an eure doofen Regeln, weil ich mich euch nicht ausliefern werde, weil ich vor euch keine Schwäche zeigen werde.“ Trotzdem kann ich mir ein kleines Spielchen nicht verkneifen.

Hin und wieder lasse ich meine Arme leicht sinken, was jedes Mal prompt zur selben Reaktion der Geiselnehmer führt: Einer stürzt herbei und schiebt sofort meine Arme wieder nach oben. So geht das eine Weile. Mir ist unerträglich heiß. Es ist brutal anstrengend, in dieser Position zu stehen. Und ich kriege echt schlecht Luft unter diesem blöden Sack. Damit habe ich am meisten zu kämpfen.

Nicht allein
Um mich zu beruhigen, singe ich in Gedanken ein lustiges Lied von einem englischen Fallschirmspringer, in allen Strophen, die mir bekannt sind. Ich wusste gar nicht, dass ich die noch alle kannte, das Lied hatte ich vor 20 Jahren zum letzten Mal gesungen. Das lässt mich im Geiste schmunzeln und beruhigt mich.
Nun merke ich, dass die anderen Geiseln auch da sind. Ich höre sowohl rechts als auch links jemanden neben mir.
Und da, auf einmal, gelingt Körperkontakt. Die Körperposition wurde von den Entführern immer mal wieder verändert. So stand ich zu einem Zeitpunkt mit dem Rücken zur Wand. Dabei musste ich die Hände mit der Handfläche jeweils links und rechts von mir flach auf der Wand halten, den Rücken an der Wand, die Füße weit vor. Und da passierte es – links neben mir spüre ich andere Finger. Ich greife danach und drücke kurz zu. Kurzes Drücken zurück. Klasse, denke ich, wir sind zusammen!

Es ist totenstill. Noch immer bin ich mental gut drauf. Mir wird es nur körperlich langsam anstrengend. Da kommt jemand und fängt an, mich zu durchsuchen. Ich werde nachdrücklich abgetastet. Der Body Check! Und zwar in Totenstille. Meine Uhr verschwindet, mein Schlüssel aus der Hosentasche, mein Oberkörper, der Unterkörper, alles wird angefasst. „Wie am Flughafen, alles wie immer“, denke ich. Stresst mich kein bisschen. Hinterher erfahre ich, dass eine Geiselnehmerin den Body Check bei den Frauen in der Gruppe machte.

„Ob die hier auch eine Vergewaltigung simulieren?“, frage ich mich unwillkürlich. Ich erinnere mich, dass der Psychologe am Vortag berichtet hat, dass dies zu gleichen Teilen Männern wie Frauen in solchen Situationen angetan werden kann. Weil es nicht um Sex oder Lust geht, sondern um Macht, Kontrolle und Erniedrigung. Ich wappne mich mental, denke aber, dass die das in dieser Übung wohl nicht machen werden.
Ich werde wieder zurück zur Wand gedreht. Dann wird der Sack ein wenig angehoben, mir wird ein Becher Wasser an die Lippen gehalten. Wieder geht mir durch den Kopf, was der Psychologe am Vortag empfohlen hat: „Wenn ihr trinken könnt, trinkt. Wenn ihr essen könnt, esst!“ Ich weiß nicht, ob Gift im Wasser ist (wovor der Psychologe warnte), aber egal – ich habe Durst und trinke.

Dann sage ich: „Thank you!“, was mir ein „Shut up!“ von der Wache einbringt, was mich unterm Sandsack zum Schmunzeln bringt. Auch Brüllerei wird in endloser Wiederholung irgendwann öde.
Ständig patrouillieren Entführer an mir vorbei. Einer von ihnen macht während seines Auf- und Abgehens die ganze Zeit das gleiche Geräusch mit seinem Feuerzeug, einem Zippo, das charakteristisch metallisch klackert. Klappe zu, Klappe auf. Klappe zu, Klappe auf. Hypnotisch, monoton,  einschüchternd. „Soll uns bestimmt mürbe machen“, denke ich. Einige hat es mürbe gemacht, wie ich hinterher erfahre. Ich blende das monotone metallische Klacken aus und nutze es eher dazu, zu erahnen, wann der klackernde Entführer auf meiner Höhe ist. Und immer, wenn er an mir vorbei ist, lasse ich meine Arme in eine etwas entspanntere Haltung sinken – bis irgendwer sie wieder korrigiert; dasselbe bekannte Spiel.

Der Colonel

Gespenstisch: Bis hierhin ging alles in völliger Stille vor sich, das heißt keiner der Geiselnehmer sagte auch nur ein Wort über das gelegentliche „Shut up!“ hinaus. Untereinander verständigten sie sich wohl ausschließlich non-verbal. Erstaunlich, wie das geht! Profis eben. Der Body Check scheint auch mit den anderen Gefangenen vollzogen zu werden. Jedenfalls dauert es eine Weile, bis etwas Neues passiert. Dann passiert es. Eine laute, sehr selbstbewusste
Stimme ertönt: „Hello dear guests, I am Colonel Abu Sahir, Chief of the National Military Intelligence Service. I welcome you to my premises. I have some questions for you so keep enjoying your stay.“ Aha, wir kommen der Sache näher. Er fährt fort: „Take off the sacks from your head now!“ Na, das höre ich gerne. Ich reiße mir den Sack runter und sehe das erste Mal, wo ich mich befinde. Alle anderen Teilnehmer sind auch da und leben. Ein lang gestreckter Kellergang, die anderen links und rechts neben mir. Dann weitere Anweisungen: „You find orange overalls next to your feet. Put them on. Now!“ Ok, ich nehme den Overall hoch und steige hinein. Einer raunt neben mir: „Das ist ja wie Guantanamo.“ Leicht deprimierender Gedanke.

Es ist nicht ganz einfach, mit Schuhen an den Füßen einen Overall anzuziehen. Ich schaue mich verstohlen um. Wir sind alle vollzählig. „Jalla“, schreit der Oberst. „Now turn the sacks back on.“ Mir war in der Sommerhitze vorher schon gut warm. Jetzt unter dem Overall beginnt der Schweiß in Strömen zu fließen. Und nun sollen wir auch wieder den Scheiß-Sack (Excuse my French!) über den Kopf stülpen? Nicht schon wieder. Aber ich ziehe mir den Sandsack über –
diesmal jedoch so, dass meine Haare aus dem Weg sind. Eine kleine Erleichterung immerhin. „We will have enough time to speak to each other. No worries. For now I will hand you over to my special friend Fedorov.“

Gospodin Fedorov

Wer auch immer das ist, Fedorov fängt jetzt ganz rechts in der Reihe der Geiseln an, den ersten Gefangenen zu fragen: „What’s your name?“ „Holger“, höre ich. „Wrong! You are number 1. Say again, what’s your name?“ „Number 1“, antwortet Holger zerknirscht. „Sir!“, schreit er. „Number 1, Sir“, sagt Holger, hörbar unglücklich. Aha, Depersonalisierung und Machtausübung, denke ich. Das lässt mich eher kalt.
Meine Kollegen werden einer nach dem anderen in ihre Nummern eingewiesen. Einige sagten bei der Nachbesprechung, dass ihnen quasi der Raub der eigenen Persönlichkeit schwer aufgestoßen sei. Wenn man kein Mensch mehr, sondern nur noch eine Nummer ist. Dann bin ich dran. Ich sage: „I am No. 6, Sir!“ Scheint anzukommen, denn Fedorov lässt mich in Ruhe. Immerhin weiß ich jetzt definitiv, es sind alle aus meiner Gruppe da – und auch noch alle mitten in der Übung dabei.

Dann lautes Schreien auf Arabisch oder einer ähnlichen Sprache. Mir ist schnell klar, das kommt von einem Tonband. Da ich kein Wort verstehe, kann ich die gebrüllte Tirade gut ausblenden. Ich singe im Geist wieder mein Liedchen. Mir ist nur so heiß! Auch wird das Stehen auf einem Fleck in verschiedenen, aber alle gleich unbequemen Positionen nach und nach anstrengend. Jetzt weiß ich wenigstens, wie Zermürbung funktioniert, wenn sie denn funktioniert.
Alles zieht sich. Endlos. Die Zeit vergeht zäh wie Kaugummi. Dann wieder sehr plötzlich, tritt eine Wache zu mir, nimmt mich mit geübtem Griff in den Schwitzkatzen und stößt mich voran. Was jetzt wohl kommt?

Das Verhör

Ich werde in einen Raum gestoßen und auf einen Stuhl gesetzt. Jetzt kommt mein Highlight. Das wusste ich in dem Moment nur noch nicht. Dann höre ich den Oberst von vorhin. Er überrascht mich mit einer Gesprächseröffnung, die man als Geisel nach so einer ruppigen und entpersonalisierten Behandlung nicht erwartet: „I apologize for this treatment. These wankers out there are killers. They have no manners at all. I welcome you again, Wiebke. Good to have you here.“ Überraschend zwar. Aber erwartet der jetzt echt, dass ich mich freue? „I have a few questions for you.“ Und schon geht’s los. Name, Religionszugehörigkeit, Beruf. Dann überrascht er mich erneut mit der Frage: „I have seen that your most beloved book is from Carlos Ruiz Zafon, ‚Der Schatten des Windes‘. Why do you like this book?“ Ich bin perplex. Wie kann „der Colonel“ das wissen? Soweit ich weiß, habe ich das noch nie in meinem Leben irgendwo gepostet. Ich weiß nicht, woher er das weiß. Das kann er gar nicht wissen! Das geht nicht mit rechten Dingen zu und holt mich eine Sekunde von den Füßen. Ich grüble noch darüber nach, woher der das wissen kann, da wird mir klar, dass er auf meine Antwort wartet – und Geiselnehmer im Rang eines Oberst sollte man nicht warten lassen. Wer weiß, wie trigger-happy seine Geduld ist. Das Buch ist wirklich klasse, aber mir will in dieser Sekunde
partout nicht mehr der Name des Protagonisten einfallen. Das muss man sich mal vorstellen: Ich sitze hier in einem Geiselverhör und der Obergeiselnehmer will von mir eine Buchbesprechung. Der Gipfel der Absurdität. Entweder völlig irre oder ziemlich clever. Ich entschließe mich für die Wahrheit und sage dem Oberst, dass meine Lektüre des Buches schon so lange her ist, dass ich den Namen des Protagonisten nicht mehr weiß. Das
Verhör beginnt, mir richtig Spaß zu machen. Dann kommen weitere Fragen – er ist erstaunlich gut über mich und meinen Werdegang informiert, auch über meine Artikel und Bücher über die Bundeswehr.

„It seems that you have some interest in the Special Forces. Why?“ Was soll ich dazu sagen? Stimmt, ich bewundere Spezialkräfte wie das KSK, die GSG9 und andere. Das kann ich aber einem Oberst eines Geheimdienstes wohl kaum verständlich machen, der womöglich ein komplett anderes Frauenbild hat. Bloß keine Angriffsfläche bieten! Ich hätte mir darüber keine Gedanken machen müssen. Denn der Oberst kommt zu seiner ganz eigenen Schlussfolgerung, die mich dann doch schockt:
„It is very unusual that a woman is interested in such a topic. You must be a spy!“ Ach du Schreck, nein. „No, Sir, I am certainly not a spy. I am a teacher who needs to validate an area for building a German school.“
„Bullshit“, antwortet er. „As I see it, you have two options. No. 1 – you sign a contract to work for us in our Intelligence Service. Option 2 – we will keep interrogating you. And I may use this for my interrogation.“ Es schrillt ein Geräusch, wie von einem Bohrer, dicht vor meinem Gesicht. Ich höre nur dieses grelle Kreischen, sehe aber nicht, worum es sich handelt. Genaugenommen sehe ich überhaupt nichts, auch nicht den Oberst, weil ich immer noch den Sandsack auf habe. „I would like to work a little bit on your teeth”, sagt der Oberst mit Hollywood-tauglichem Sadismus. Ich kann praktisch durch den Sandsack hindurch sein hämisches Grinsen sehen. Ich weiß, dass das immer noch eine Übung ist. Aber in dieser Situation fallen Wissen und Denken auseinander. Was wohl jeder in so einer Situation instinktiv denken würde: Jetzt geht’s mir an die Zähne!
Schnell sage ich: „What about option No. 3?“ Ich muss es mindestens versuchen. „There is no option 3”, sagt der Oberst lapidar. Mist aber auch. „I will give you some time to think about these two options now”, sagt der Oberst. Ich denke bei mir: „Brauche ich eigentlich nicht. Ist doch klar, was ich mache. Ich werde sein Geheimagent. Welche Wahl habe ich denn bitte?!“
Der Psychologe hat das gestern ausführlich und eindringlich erklärt: „Es geht in so einer Situation nicht um Ehre und Anstand, Wahrheit oder Cleverness. Es geht nur ums Überleben. Nicht um richtig oder falsch. Nur um zweckmäßig oder nicht zweckmäßig.“ Da finde ich eine Arbeit für einen fremden Geheimdienst doch ziemlich zweckmäßig. Trotzdem ist es eine gute Idee, Zeit zu schinden – im Hinblick auf eine mögliche Befreiung. Daher sage ich zu seinem Angebot, mir Zeit zum Nachdenken zu geben: „Thank you for that.“

Da werde ich auch schon vom Stuhl hochgerissen und wieder im Schwitzkatzen zurück in den Kellergang an die Wand gebracht.
An der Wand aufgestellt beobachte ich an mir eine leicht paradoxe Reaktion: Das hat mir richtig Spaß gemacht, das Verhör. Der Oberst hat wenigstens mit mir geredet. Seine Häscher hatten mich, bis auf ein knappes „Shut up!“, die ganze Zeit über nur angeschwiegen. Reden ist besser als dieses bedrohliche Schweigen. Und auch wenn Folter drohte, so hatte ich doch das Gefühl, vielleicht ein klitzekleines bisschen mit dem Oberst verhandeln zu können.
Nach Ende des Szenarios, bei der Nachbesprechung, sagte der „Oberst“ mit feinem Lächeln: „Ich habe noch nie jemanden erlebt, der bei einem solchen Verhör so viel geredet hat wie du, Wiebke.“ Darauf kann Frau doch stolz sein!
Mein Stolz schrumpfte im Nachhinein ein wenig bei der nachgeschobenen Information, dass Soldaten solche simulierten Geiselnahmen und Zwangsverhöre bis zu 36 Stunden durchstehen müssen, um für den Ernstfall einer Gefangennahme trainiert zu sein. 36 Stunden? Wie soll man sowas aushalten? Das übersteigt mein Vorstellungsvermögen.

So geht die Zeit dahin. Wobei: Zeit? Mein Zeitgefühl habe ich längst verloren. Keine Ahnung, ob wir seit einer, zwei oder sechs Stunden Geiseln sind.


Lesen sie morgen in Teil 4, wie die Geiseln gottlob aus ihrer Lage befreit werden.




Autorin:

Wiebke Köhler ist seit über zwanzig Jahren Top Management Strategieberaterin; auch ist sie Gründerin, Key Note Speakerin und mehrfache Buchautorin. Sie arbeitete während ihrer beruflichen Laufbahn in den Top Management Beratungen bei Roland Berger und McKinsey & Co. Als Partnerin im Executive Search begleitete sie internationale, globale Konzerne bei der Besetzung von Vorstandspositionen und bekleidete zuletzt die Position als Personalvorstand bei der AXA Konzern AG in Deutschland. Sie ist CEO der Top Management Beratung impactWunder und unterstützt Konzerne in strategischen Fragen des Marketings und im HR, vor allem rund um Kultur, Werte- und Machtwandel und bei der Führungskräfteentwicklung. Sie engagiert sich ehrenamtlich für eine bessere Vernetzung von Bundeswehr und ziviler Gesellschaft und hat dazu bisher zahlreiche Artikel und zwei Bücher („Führen im Grenzbereich“ und „Besuch bei der Truppe – Menschen in Uniform“) veröffentlicht.

 

 

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