Der VdTÜV als Trittbrettfahrer in der Corona-Krise?

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 Der „Technische Überwachungsverein“, kurz TÜV, hat eine lange Geschichte (HIER). Über die Notwendigkeit von technischen Überprüfungen und Sicherheitschecks bedarf es eigentlich keiner Diskussion. Dennoch sei darauf hingewiesen, dass im Zuge der Industrialisierung eben diese einheitlichen technischen Sicherheitsstandards nicht nur die täglichen Arbeitsunfälle reduzieren halfen, sondern auch das mitprägen konnten, was dann als „Made in Germany“ qualitativen Weltruhm erlangen konnte. Unser Erfolg als Exportnation begründete sich nicht zuletzt auf der technischen Qualität unserer Produkte.

Wir wären nicht Deutschland, wenn dieses Qualitätsprinzip sich nicht so umfassend durchgesetzt hätte, dass die TÜV-Unternehmen zusammen die weltweit drittgrößte Prüfgesellschaft bilden würden. Mit Milliardenumsätzen. Selbst zu einem Produkt an sich werden konnte, sodass man beispielsweise als Kfz-TÜV in die Türkei exportieren konnte.

Und wie das so ist, wenn aus einer guten Idee selbst ein Geschäft werden konnte, ist der Kampf um Marktanteile nun selbst zum Ziel geworden. Monopolistische und oligopolistische Strukturen in der „TÜV-Branche“ sind oft diskutiert worden. Gerade und vor allem im Auto-TÜV-Segment. Aber auch in anderen Prüfbereichen, wo der TÜV de facto konkurrenzlos ist. Und es nach dem Willen der TÜV-Unternehmen auch bleiben soll.

Über die Vorteilhaftigkeit, Notwendigkeit und Marktrelevanz dieser Überlegungen zur „Marktderegulierung“ soll hier nicht berichtet werden. Auch wenn hier ursächlich der Grund des Artikels zu suchen ist.

Die TÜV-Unternehmen leisten sich einen eigenen Verband, der ihre Interessen nach außen vertreten soll, der VdTÜV mit Sitz in Berlin … und Brüssel (HIER). Die beteiligten Unternehmen lesen sich wie das who-is-who der deutschen Wirtschaft. Die beiden Sitze der Gesellschaft zeigen aber auch an, was dieser Verband wirklich ist. Ein reiner Lobbyverein.
Und dass dieser durchaus vielfältige Interessen vertritt zeigt das Organigramm seiner Gremien/Arbeitskreise (HIER). Es wundert nur eines: Es gibt noch keinen AK Corona. Und das erstaunt, denn der Geschäftsführer des VdTÜV, Dr. Joachim Bühler, gibt sich alle erdenkliche Mühe mit Corona zu punkten. Corona als Thema für weitere Prüf-Geschäftsfelder zu nutzen. Zum Beispiel für Schutzmasken.

Und dieses leidige Thema ist an sich auch durchaus ein zertifizierungsfähiges Thema. So wurden dem Verbraucher in der Hochpanikzeit Masken angedreht, gern auch zu Preisen, die die NASA bereit war zu zahlen, deren Umverpackungsaufdruck schon klar aussagte, dass sie NICHT für Corona ausgelegt waren. Und die verkaufen sich immer noch ganz gut.
Hier wäre eine Kampagne für die „technische Sicherheit“ und „Qualität“ sicher angebracht. Nur findet diese eben nicht statt.
Ersatzweise propagiert Herr Dr. Bühler dann aber flächendeckend, dass die Bürger die Maskenpflicht umfänglich – zu 94%!!! – wollen (HIER) und nur 5% diese ablehnen. Befragt wurden 1002 Personen als Datengrundlage.
In dieser Umfrage schreibt dann der VdTÜV wörtlich:

Die Zustimmung in der Bevölkerung zur Maskenpflicht bleibt hoch: 94 Prozent der Bundesbürger:innen befürworten eine Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im öffentlichen Raum.
… Der TÜV-Verband weist darauf hin, dass mir hoher Wahrscheinlichkeit immer noch viele minderwertige Schutzmasken im Umlauf sind. Das betreffe sowohl den medizinischen Mund-Nasen-Schutz als auch spezielle Filtermasken der Schutzstufen FFP1 bis FFP3.
… Die großen TÜV-Organisationen sind Benannte Stellen für die Zertifizierung von Medizinprodukten und prüfen im Kundenauftrag Persönliche Schutzausrüstung (PSA). Als unabhängige und staatlich überwachte Konformitätsbewertungsstellen überprüfen sie, ob Hersteller die gesetzlichen und normativen Anforderungen erfüllen bzw. einhalten. Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums prüft der TÜV auch die nach Deutschland gelieferten Schutzmasken.“

 

Rhetorisch betrachtet nutzt man also die medial „breitgetretene Gefahr“ als Basis für die durch die Umfrage „belegte“ Maskenakzeptanz, um dann dazu überzuleiten eben diese einzig verfügbare Schutzmaßnahme der Bürger durch offensichtlich festgestellte Qualitätsmängel zu diskeditieren. Gern mit dem Hinweis „aus China“ verbunden. Dann leitet man über zum TÜV und der Zusammenarbeit mit der Bundesregierung eben diese Masken zu prüfen…

Am Rande sei bemerkt, dass die Regierung Unmengen von nutzlosen Masken gekauft hat. Weltweit und offensichtlich an jeder Prüfung vorbei. Das kann man dem TÜV nicht ankreiden. Aber die getätigte unkritische Großspurigkeit schon. Gerade dann, wenn man mit der Angst versucht zu punkten.

Moralisch/ethisch betrachtet ergibt sich hier dann ein weiteres Spielfeld. Wir haben immer erlebt wie einige clevere Geister mit Hypes und Krisen Geschäfte zu machen verstanden.
Wie der junge Unternehmer aus Thüringen, der zu Anfang tonnenweise Masken aufgekauft hat, um sie dann quasi stückweise mit kräftigen Gewinnaufschlägen zu verkaufen. Was gab es für einen Aufschrei. Und wäre Corona nicht ausgebrochen, hätte er das Zeug zur Pyramide aufschichten können und alle hätten sich aus Schadenfreude totgelacht. Nur hatte er Recht. Und hatte Erfolg. Als alle anderen schliefen.

Diese Leute gab es auch in der Energiewende. In der E-Mobilitätsdebatte (Elon Musk!). Eigentlich immer dann, wenn kreative und zukunftsgewandte Menschen Trends vorwegzunehmen vermögen. Trends überhaupt erkennen oder sie auch begründen. Das macht Fortschritt aus.

Wenn diese Trends dann laufen springen andere auf. Einige aus Überzeugung, andere aus wirtschaftlichem Druck und andere auch aus reiner Gier. Letztere bereichern nicht gerade den Trend an sich und führen zu Verwerfungen (Offshore-Windparks ohne Netzanschluss zum Beispiel…).

Und dann gibt es da die, die in Krisen bessere Geschäfte machen wollen. Einige wollen helfen, rüsteten die Produktion um und tun ihr Bestes. Trigema zum Beispiel.
Andere wollen nur ihr Geschäft weiter ausdehnen. Sehen neues Potenzial für weitere Geschäfte. Das ist nicht unbedingt schlecht. Aber es bekommt so einen miesen, anrüchigen und verwerflichen Beigeschmack, wenn man mit der krisenbedingten Angst der Menschen spielt, um Lobbyarbeit bei denen zu machen, die man dann braucht, um das Geschäft „in Eigenregie“ aufzuziehen.

In Kriegszeiten hatte man einen Namen für solche Geschäftsanbahnungen. Für Geschäfte die darauf abzielten schnell Geld zu machen. Man produzierte Ware mit mangelhafter Qualität und schickte es an die Front, wo es dann die ausbaden mussten, die ohnehin im Feuer waren.
Oder man nutzte billige Arbeitskräfte, um die Gewinnspannen nach oben zu treiben. Manche entdeckten dann ihr Gewissen, wie Oskar Schindler. Andere halten sich da bis dato bedeckt. Doch alle machten Vermögen. Weltweit. Nicht nur hier in Deutschland. Manchmal fing man auch Kriege an, um überhaupt erst der Wirtschaft gefällig sein zu können (Golf-Krieg / Öl).

Im Rahmen einer Pandemie aber das Horn der Regierung zu blasen, eine Maskenakzeptanz von 94 von 100 Befragten für ganz Deutschland zu postulieren, das Ergebnis zu propagieren und dann hintenherum die eigene mögliche Leistung zur Qualitätssicherung in Spiel zu bringen, weil eben der aktuell einzig verfügbare Schutz sicherheitstechnisch fragwürdig ist, könnte man dann wie genau bezeichnen? Als Pandemiegewinnler? Coronaprofiteur?

Mal ganz abgesehen davon, dass diese 94 von 100 Menschen an keiner Aldi- oder Lidl-Filiale auffindbar sind, in keinem Fernreisezug oder –bus sitzen und auch in der Gesundheitsbranche eher nicht (mehr) zu finden sind, ist so eine Kampagne fahrlässig. Eben auch weil sich jeder fragt, in Zeiten wo nun alles hinterfragt wird, was das nun wieder soll.

Der TÜV Rheinland bestätigte auf Anfrage, dass diese Kampagne nicht initiativ durch ihn angestoßen wurde. Andere wollten das gar nicht erst kommentieren. Warum wohl?

Corona wird unsere Arbeitswelt nachhaltig verändern. New Work wird auch in großen Teilen neu durchdacht werden müssen. Arbeit vor Ort sowieso. Auch gerade im demographischen Wandel, da die Größe der Risikogruppen auf der Zeitachse dramatisch ansteigen wird.
Das wird auch ein gesellschaftliches Problem sein. Und dann auch eine finanzielle Titanenaufgabe.
Dass wir in diesem Zusammenhang nicht Mittel und Planungen auf sinnlose Produkte verschwenden sollten ist auch klar. Allein hier wäre eine qualitative Vorabprüfung von Masken, Filteranlagen und Schutzzonen sinnvoll. Ob diese allein beim TÜV liegen sollte ist unbedingt diskussionswürdig. Auch aus wettbewerbsrechtlicher Sicht.

Diskussionsunwürdig ist aber eine so offensichtlich politisch anbiedernde Kampagne des VdTÜV, die an Peinlichkeit kaum zu überbieten ist. Eigentlich trifft so etwas nur ein jiddisches Wort, für das es kein wirklich deutsches Einzelwort gibt: Chuzpe!

Die dem VdTÜV angehörenden Unternehmen sollten sich fragen, gerade auch jetzt, wo immer mehr Menschen auf die Straße gehen, ob sie wirklich Teil einer so fadenscheinigen Kampagne sein wollen.
Die Gesellschaft braucht Vertrauen. Oder sollte in dem Vertrauen, was noch da oder verblieben ist gestärkt werden. Diese Kampagne vom Geschäftsführer des VdTÜV, Dr. Joachim Bühler, in den sozialen Medien ist da eher kontraproduktiv. Man sollte sich auf die technischen Gesichtspunkte des Problems beschränken. Da wäre in der Tat Handlungsbedarf. Denn weitere Trittbrettfahrer braucht keiner. Nicht in diesen Zeiten!

Sic!


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