Wo bleiben die Rechte der Kinder im Lockdown?

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(ots) Mit der Fortsetzung und Verschärfung des Lockdowns sollen Kinder und Jugendliche bis zu den Abschlussjahrgängen erneut zuhause bleiben, erneut werden sie mit ihren Eltern allein gelassen. Und erneut geraten jene Kinder aus dem Blick, denen es in ihren Familien schlecht geht, für die der Gang zur Kita der einzige Lichtblick am Tag, vielleicht auch der einzige Schutz ist.

Wieder meinen Politik und Kinder-Verbände, es solle den Eltern selbst überlassen bleiben zu entscheiden, welche Kinder die Kita besuchen und welche die Schule – und welche nicht mehr gesehen werden. Was ist mit den gefährdeten Kindern, um die sich die Fachkräfte in Kindergärten oder Schulen sorgen? Was mit den vom Jugendamt bereits im Kontext von Kindeswohlgefährdungen betreuten Familien, in denen Kinder und Jugendliche auf den täglichen Besuch der Schule und Kita sowie ambulante Hilfen dringend angewiesen sind?

Die Abschottung von Kindergarten und Schule trifft besonders jene Kinder, deren Mütter und Väter schon zuvor etwa aufgrund von Suchtmittelmissbrauch oder anderen schweren psychiatrisch relevante Störungen kaum in der Lage waren, den Bedürfnissen ihres Kindes gerecht zu werden. Diesen Eltern kann und darf man nicht die Entscheidung überantworten, ob das Kind weiterhin Kontakt zu ihm vertrauten Menschen im Kindergarten oder der Schule hat, die notfalls auch für Hilfe und Schutz sorgen, so der Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins e.V. Rainer Rettinger. „Wer gefährdete Kinder für viele Wochen von der Außenwelt abschneidet, braucht Konzepte im Umgang mit Familien, in denen Eltern in Suchtmittel oder PC Spiele abdriften oder in denen sogar die Beziehung von Eltern und Kind eine Beziehung von Tätern und Opfern geworden ist.“

Was in gelingenden Eltern-Kind-Beziehungen manchmal sogar als Chance für wertvolle Familienzeit empfunden wird, birgt hier vermutlich ein hohes Risiko für gefährdete Kinder, gerade wenn man an die steigende Zahl der Hilferufe gewaltbetroffener Personen im letzten Lockdown denkt oder an den stark vermehrten Anstieg des Konsums mit vergewaltigten Kindern im Netz. Was sexuellen Missbrauch sowie seelische und körperliche Gewalt angeht, ist die Dunkelziffer hoch. Dass die betroffenen Kinder der Gewalt nun hilflos ausgeliefert sind, ist der Politik bekannt. Wieder sind Kinder mit ihren Eltern allein, von Kinderrechten ist nirgendwo die Rede und wieder stellen sich Fragen, die bisher nicht angegangen wurden: Wer sieht jetzt die Kinder, die misshandelt oder sexuell ausgebeutet werden?

Gibt es eine Kommunikation zwischen Lehrern und Jugendämtern? Wird im digitalen Unterricht nach dem Befinden der Kinder gefragt? Werden in den Medien und auf den Lernplattformen Hilfsangebote für Kinder sichtbar gemacht? Werden Familien mit Problemen durch aufsuchende Jugendarbeit unterstützt? Wann werden endlich die Jugendämter besser finanziell ausgestattet und personell aufgestockt? Welche Möglichkeiten haben Kinder, online oder telefonisch selbst Hilfe einzufordern?

Noch immer gibt es keine flächendeckenden Konzepte, damit Kinder ermutigt werden, sich in Not vertraulich und auch ganz ohne Kenntnis ihrer Eltern an dafür fachliche ausgebildete Vertrauenspersonen in ihrem Kindergarten, ihrer Schule zu wenden.

Aktuell setzt die Politik alle Hoffnung auf die Impfung. Dafür stehen zurzeit ältere Menschen im Fokus. Und wieder kommen die Kinder zu kurz. Was ist mit Kindern und Jugendlichen, die teilstationär in Tages – oder Wochengruppen der Jugendhilfe betreut werden, was mit jenen Kindern, die in Heimen und Wohngruppen leben? Auch hier fehlen nicht selten überzeugende Konzepte für den Distanzunterricht, ohne genügend Endgeräte und Betreuer. Aus Angst vor Infektionen werden die dort betreuten Kinder und Jugendlichen nun eventuell erneut von der Außenwelt abgeschnitten. Weshalb stehen diese ohnehin stark belasteten und schwächsten jungen Mitglieder unserer Gesellschaft und die sie im Schichtdienst betreuenden Fachkräfte, nicht ganz oben auf den Wartelisten für den neuen Impfstoff? Wo bleiben die Kinder in der Pandemie?

Zwar hatte die Bundeskanzlerin gefordert, Kinder dürften nicht zu Verlierern der Pandemie werden, der Deutsche Kinderverein sieht sie jedoch bereits als Verlierer – und das weltweit. „Dass in Pandemiezeiten Grundrechte eingeschränkt werden müssen, um Leben zu retten, ist verständlich. Jetzt sind jedoch Debatten und Konzepte überfällig, um bleibende Schäden von den Schwächsten abzuwenden, die auf die Hilfe des Staates angewiesen sind“, sagt Rainer Rettinger.

 

Original-Content von: Deutscher Kinderverein e.V.

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