Wer aufgibt, kann gewinnen

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Ein Wort, zwei Bedeutungen

Neulich sah ich ein T-Shirt mit einem abgebildeten Soldaten und dem Aufdruck: „Der Tag, an dem wir aufgeben, ist der Tag, an dem wir sterben.“ Das ist es, das Verb aufgeben. Allein das Wort bereitet Unbehagen, selbst in völlig friedlichen Umfeldern. Aufgeben, das assoziiert, etwas nicht zu schaffen. Sich einer hoffnungslosen Lage zu ergeben. Zu verlieren. Das wiederum impliziert, dass man sich vorher angestrengt, gekämpft, alles gegeben hat. Wer will da nicht den Kampf, das Spiel, die Aufgabe für sich entscheiden, sondern aufgeben müssen? Niemand.

Gleichzeitig verwenden wir das Verb aufgeben auch, wenn wir ein Paket zur Post bringen. Wir geben das Paket auf. Das bedeutet so viel wie: wir haben alles getan, was nötig war, das Paket gut verschnürt und adressiert – nun überlassen wir es dem Paketdienst, es zu transportieren und auszuliefern. Wir lassen es los und können es abhaken.

Ein Wort, zwei Bedeutungen. In dem einen Kontext negativ behaftet, in dem anderen positiv. Lassen Sie uns näher schauen, was genau gemeint ist und warum aufgeben auch gewinnen bedeuten kann.

Durchhalten um jeden Preis

Nicht aufzugeben ist eine Tugend mit Wurzeln bei unseren preußischen Vorfahren. Dort galt es als große Stärke, sich einer Sache mit jeder Faser seines Seins und Könnens zu verschreiben. Auch nähren deutsche Sprichworte wie „Der Wille versetzt Berge“ den Mythos, dass man sich nur genug anstrengen müsse, um ein Ziel auch wirklich zu erreichen. In der modernen Managementpraxis gelten Zielstrebigkeit und Ergebnisorientierung als Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere. Und die Elitesoldaten vom Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr haben das Handeln ihres Verbandes unter dieses Motto gestellt: Facit omnia voluntas, was so viel bedeutet wie „Der Wille entscheidet“.

Unbestritten ist, dass es manchmal nötig ist, sich durchzubeißen, um ein Ziel zu erreichen. Nicht immer bekommen wir unsere Ziele und Wünsche direkt auf dem Silbertablett serviert. Es verlangt uns schon etwas ab, bestimmte Aufgaben, Ziele und Ergebnisse zu erreichen – etwa für das Abschlussexamen zu lernen, den Mount Everest zu besteigen oder über einen bestimmten Zeitraum zu fasten. „Ohne Fleiß, kein Preis“ – wer kennt diesen Spruch nicht. Wer da schnell beschließt, das Handtuch zu werfen, gilt schnell als Versager. Oder wie Fisherman’s Friend sagte: „Sind sie zu stark, bist du zu schwach.“ Es wird unterstellt: wer sich nicht genug einsetzt und nicht in der Lage ist, auch in schwierigen Lagen die Zähne zusammenzubeißen und weiter zu machen, der ist schwach. Der gehört nicht dazu oder der hat es nicht verdient, den Sieg zu erringen. Früher gab es in den Strategieberatungen mal diesen Spruch: „Lunch is for loosers!“ Wer sich mittags die Zeit nehmen wollte, kurz zum Essen zu gehen, galt schon als Versager. Wer hart genug war, der arbeitete einfach durch – ohne Pause, ohne Essen. Wie gesagt – nur die Harten kommen in den Garten.

Nun ist es sicher was anderes, ob einem in einem Gefecht die Kugeln um die Ohren fliegen oder Kommandosoldaten des KSK hinter feindlichen Linien gegen erbitterten Widerstand des Gegners Gefangene befreien – oder ob man einen zehn Kilometerlauf abbricht, weil es einem schlicht zu anstrengend ist. Im ersten Beispiel kann ein Aufgeben schlimmstenfalls zum Tod führen, im zweiten Fall höchstens zu einem inneren Hadern mit sich selbst. Diese Konsequenz ist bei der Bewertung der Frage, ob man aufgibt oder nicht, natürlich maßgeblich. Zum Glück ist es im zivilen Leben nicht so dramatisch, so dass Aufgeben bestenfalls eine persönliche Schmach bedeutet und ohne bedrohliche Konsequenzen bleibt.

Fakt ist, dass es auch heute noch eine Tugend ist, Ausdauer zu zeigen und nicht allzu leichtfertig die Flinte ins Korn zu werfen. Ein wenig Härte gegen sich selbst zu zeigen, kann gewinnbringend sein – und einen viel weiterbringen, als allzu schnell aufzugeben. Als Lohn winkt der Stolz, den man auf sich selbst empfindet, wenn man eine schwierige Aufgabe gemeistert hat. Das geht manchmal nicht ohne vorheriges Abrackern, Durchhalten und Kämpfen über die Bühne. Man hält also durch, um zu gewinnen. Gegen den inneren Schweinehund, gegen Wettbewerber oder feindliche Gegner.

Aber gilt das immer?

Einfach mal loslassen – Was man von Überlebensexperten lernen kann

Wie alles im Leben geht es um die richtige Dosierung. In geringen Mengen kann eine Pflanze dem Körper Heilung bringen, in einer Überdosis möglicherweise den Körper vergiften und das Leben gefährden. Verfolgt man seine Ziele, Aufgaben oder Wünsche mit zu viel Ehrgeiz und Elan, kann schnell eine verkrampfte Haltung entstehen. Man verbeißt sich in sein Ziel, lässt nicht locker, macht einfach zu viel Druck. Und zu viel Druck erzeugt nur eine Pattsituation oder im Zweifel auch Gegendruck. Man wird unlocker und verkrampft, der Lösungsraum für auftretende Probleme verengt sich, weil man es unbedingt jetzt lösen, durchdrücken, erfolgreich beenden will. Mit diesem Vorgehen erreicht man in der Regel nur eines: nichts. Es geht darum, die richtige Balance zu finden zwischen zielstrebigem Handeln und „sich reinhängen“ einerseits und einem möglichen Aufgeben andererseits.

Schauen wir uns den Überlebenskünstler und Abenteurer aus den USA Joe Teti an. Er ist ehemaliger Elitesoldat, der sich in seiner TV-Serie „Survival Duo“ in unwegsamen Gelände auf abgeschiedenen Inseln im Indischen Ozean, in Wüsten oder im Dschungel aussetzen lässt und zeigt, wie man unter widrigsten Bedingungen überleben kann. Auch in völlig ausweglosen Situationen.

Ein Beispiel: Joe ist in einer Folge seiner Serie auf einer hochgelegenen Vulkaninsel gelandet, weitab von jeglicher Zivilisation, in einem völlig lebensfeindlichen Terrain. Er versucht – ohne Feuerzeug, nur durch Reibungswärme – ein Feuer für die Nacht zu erzeugen. Dafür hat er sich einen Holzbohrer und die passende hölzerne Unterlage geschnitzt und legt los, den Bohrer über die Unterlage zu reiben. Aber – es raucht zwar, nur Glut entsteht nicht. Er setzt neu an und probiert es weiter. Über zehn Minuten lang. Völlig abgekämpft hört er auf und stellt fest – so wird das nichts. Er hadert zwar damit, aber sieht ein, dass irgendetwas nicht stimmt. Vielleicht ist das Holz zu feucht, oder er hat das falsche Holz für den Holzbohrer verwendet. Nun ist es fast dunkel und ein Suchen nach einem alternativen Baumholz aussichtslos. Er gibt also auf und verbringt die Nacht ohne wärmendes Lagerfeuer. Dabei muss er in Kauf nehmen, dass die Nacht ohne Feuer echte Lebensgefahr für ihn bedeuten kann – wegen der giftigen Tiere, aber auch wegen einer möglichen Unterkühlung, die aufgrund der sinkenden Temperaturen droht.

Er gibt sein Unterfangen, Feuer zu machen, auf. Damit spart er sich seine restliche Kraft auf, die er am nächsten Tag im weiteren Überlebenskampf benötigt. Statt es ein drittes oder viertes Mal zu versuchen und sich völlig zu verausgaben, zieht er nüchtern Bilanz, erkennt an, dass es so nichts wird – und lässt es sein. Er gibt für den Moment auf. Am nächsten Morgen, erholt von der Nacht, mit neuem Mut und Ansporn, sucht er eine andere Baumart aus, schnitzt einen neuen Holzbohrer und probiert es erneut. Und siehe da – es klappt.

Wichtig an dem Beispiel ist: er gibt seine Aktivität, das Feuermachen, für den Augenblick auf. Das Aufgeben ist zeitlich begrenzt, denn am Morgen probiert er es erneut. Er gibt nicht das Ziel an sich auf. Er sucht nach einem anderen Ansatz und verfolgt sein Ziel dann konsequent weiter. Vor allem aber: er gibt sich selbst nicht auf. Damit hat er auf ganzer Linie gewonnen: er spart am Abend eine sinnlose Kraftaufwendung, ein Sich-Abkämpfen, und spart die Körner – um am nächsten Tag erneut zu starten und erfolgreich zu sein.

Wenn man Joe danach fragt, worauf es in solchen Situationen am meisten ankommt, antwortet er sinngemäß: immer weiter an sich zu glauben, sich nicht selbst in Frage zu stellen oder mit sich zu hadern. Stattdessen realistisch zu bleiben, sich der Lage zu stellen, zu akzeptieren, dass gerade nichts vorangeht. Man sollte seine Kräfte sammeln, Schritt für Schritt die nächsten Aktivitäten planen und dabei konzentriert auf das Ziel bleiben. Statt Verzweiflung und Hadern also Fokus und Handeln.

Fazit

Es kommt auf den Kontext an, ob das Aufgeben sinnvoll oder sinnlos ist. Es ist nicht per se die Verliererstrategie. Wie wir gesehen haben, kann Aufgeben auch zum Ziel führen. Statt immer zu kämpfen, um zu gewinnen, kann auch das komplette Gegenteil dieses Ergebnis erzielen. Aufgeben bedeutet dabei nicht, sich selbst aufzugeben. Es impliziert auch nicht, sein Ziel grundsätzlich aufzugeben. Es bedeutet lediglich, für einen Moment innezuhalten, loszulassen, neu nachzudenken.

Wenn sich jemand in einer Situation befindet, in der vielleicht nichts vorangeht oder in der man trotz intensivster Anstrengungen das Ziel nicht erreicht, dann fühlt man sich hilflos, machtlos, dieser Situation ausgeliefert. Aber es gibt im Leben einfach Situationen, die sich unserer Kontrolle entziehen. Entscheidend ist, wie man mit einer solchen Lage umgeht. Wie Joe Teti gezeigt hat: annehmen, dass gerade nichts weitergeht, durchatmen, Pause machen, loslassen, sich ausruhen.

Damit ist nicht gemeint, dass man sich monatelang hängen lassen sollte. Es heißt nur: für den Moment mal lockerlassen, Druck rausnehmen, aufgeben. Auf den nächsten Tag, die nächste Woche oder den nächsten Monat bauen. Vor allem sich selbst und seinen Fähigkeiten weiter vertrauen – und dann frisch neu starten, das Ziel fest im Blick behalten und Schritt für Schritt vorwärts gehen.

Aufgeben und gewinnen – das geht. Das schließt sich nicht aus. Im Gegenteil kann erst das Aufgeben, das Druck-Vom-Kessel-Nehmen dazu führen, dass es vorwärts geht. Auch wenn es nicht intuitiv ist: statt mit großem Druck weiter vorwärts zu drängen, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen und sich zu blockieren, führt das Loslassen zum Ergebnis. Wenn der Druck geht, alles locker wird, öffnen sich auf einmal Türen. Und statt die Wand einzuschlagen, geht man bequem durch die Tür durch.

Wenn man sich selbst nicht aufgibt und das Ziel fest im Blick behält, aber den Zeitpunkt und den Weg, den Ansatz oder die Methode zum Ziel variiert – dann ist Aufgeben eine echte Gewinnerstrategie.


Wiebke Köhler, CEO impactWunder Strategieberatung

www.impactwunder.com

Oktober 2020

uchtipp:

„Besuch bei der Truppe – Menschen in Uniform“

Books on demand, Norderstedt, ISBN 9783752608243

 


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