Dresden: sächsische Dampferflotte von Insolvenz bedroht – aber ganz Sachsen kämpft für den Erhalt

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Lesedauer 3 min

 

Es gibt in jedem Land der Welt, in jeder Epoche der Menschheit gewisse Monumente, an denen das Herz der Menschen hängt. Das müssen nicht unbedingt Gebäude sein. Manchmal sind es auch Parkanlagen, gewissen Bergformationen oder auch Wälder. Und dann gibt es da auch technische Errungenschaften, die man liebgewonnen hat und die regional aber auch international zu Wahrzeichen geworden sind. Wie beispielsweise Schloss Neuschwanstein bei Füssen, das fast jeder auf der Welt kennt.
Dann gibt es Naturwunder, die ebenso berühmt sind, wie der Flussabschnitt zwischen Koblenz und Rüdesheim am Rhein samt Loreley. Mit den alten Raubritterburgen entlang der Strecke, den malerischen Weindörfern und der urigen Landschaft. Alles zusammen Weltkulturerbe.
Dann sind es auch technische Errungenschaften, wie alte Dampfloks, die gern als Sonderzüge mit alten Salonwagen eben solche Strecken dampfend und schnaufend zur Freude aller absolvieren. Jeder Halt am Bahnhof wird zum Ereignis. Väter zerren ihren Nachwuchs zu dem stinkenden und dampfenden Monster. Erinnern sich an ihre Kindheit, als diese Loks überall noch fuhren. Greta würde vermutlich bei jedem Dampfausstoß tot umfallen, aber in solchen Momenten drängen sich die selbstmordgefährdenden Massen um die Lok.

Ein solches Erbe unseres Landes ist nun in Sachsen gefährdet. Prägte wie keine andere technische Errungenschaft seit 150 Jahren das Bild der Elbe im oberen Elbtal mit Festung Königstein, der malerischen Bastion und dem Elbsandsteingebirge. Einen Flussabschnitt, der genauso berühmt ist wie der Rhein an der Loreley.
Die Sächsische Dampfschifffahrt (jawohl: 3xF!!) mit ihren elf Schiffen, davon neun historischen Dampfschiffen, ist von der Insolvenz bedroht. Die grün-weiße Flotte dampft kämpfend um ihre Existenz.
Grund ist aber nicht der Klimawandel oder das damit einhergehende Niedrigwasser. Letzteres gab es schon immer. Auch ein Grund dafür warum die Elbe nicht eine Wasserverkehrsstraße wurde wie der Rhein. Die Elbe war nie verlässlich tief genug, um solche Gedankenspiele verfolgen zu können. Letzteres beeinflusste auch die wirtschaftliche Entwicklung der Region nachhaltig. Und zwar eher in Richtung zum nachhaltigen Tourismus als zur Schwerindustrie.

Und eben dieser Tourismus machte die größte Dampferflotte der Welt zu dem Bild des oberen Elbtals und zu einem Wahrzeichen der Stadt Dresden und des Landes Sachsen an sich. Und das seit 150 Jahren. Denn so alt sind die ältesten Schiffe der Flotte, die schon Kaiser und Könige durch das Elbtal schipperten. Staatsbesuche an Bord zu Gast hatten. Neben Millionen von Menschen aus aller Welt. Von Menschen aus allen Ländern die sich lachend an dem Wort „Dampfschifffahrtsgesellschaft“ versuchten. Nicht glauben wollten, dass es so ein langes Wort wirklich gibt. Allein das war ein Fotomotiv.

Abb.: Dresden und oberes Elbtal

Wenn wir heute von Changes sprechen, dann sollte unser Auge auf diese Flotte ruhen, denn sie hat alle wesentlichen Wandel mitgemacht. Kaiserreich, Weimar, III. Reich, DDR und nun BRD. Und jede Zeit prägte sie, drückte ihr ihre Flagge am Heck auf, aber niemals ihre Farbe. Die war seit Anbeginn grün-weiß.

 

Natürlich muss sich so eine Flotte auch selbst tragen können. Wirtschaftlich machbar sein. Zumindest Zuschüsse so weit reduzieren können, dass die Flotte kein sächsisches Talergrab wird. Also keine zweite Hamburger Elbphilharmonie, keine zweite Kölner Oper und auch kein Projekt à la BER. Die Flotte muss ihren Betrieb erwirtschaften können.

Die zu rettende Gesellschaft besteht als Gruppe aus der Dampfergesellschaft, einer Gastronomiegesellschaft und einer Personalgesellschaft mit zusammen knapp 200 Mitarbeitern, von denen jetzt 42 entlassen werden mussten.
Die organisatorische Aufteilung der Gesellschaft mag begründbar sein, man sollte sie aber wirklich einmal ergebnisoffen diskutieren. Auch hinsichtlich der Konsolidierungskosten für die Gesamtbilanz.
Wie es scheint versuchte man die Flotte über die Gastronomie auf zusätzliche und vom Wasserstand unabhängige Standbeine zu stellen. So vereinnahmte man auch die Gastronomie am Flughafen und die am Zoo. Und über die Personalgesellschaft konnte man das überschüssige Gastronomiepersonal auch zeitweise an andere vermitteln und so Personalkosten sparen, wenn mal wieder das Wasser nur bis zum Knöchel reichte. Und das passiere in den 150 Jahren recht oft. Auch wenn die Dampfer noch im „knietiefen“ Wasser fahren können, ist so eine Niedrigwasserfahrrinne irgendwann einmal zu eng, um noch wenden zu können. So wie nun auch die finanzielle Lage zu eng wurde.
Dieses Jahr war eigentlich ein gutes Jahr. Wasserstand stimmte, Wetter war gut und man freute sich auf Umsatz. Dann kam Corona. Und Staatshilfen konnten nicht in Anspruch genommen werden, da der Staat epidemiebedingte Umsatzausfälle nicht bezahlte. Und da die letzten beiden Jahre bescheiden waren, führte das nun zur Insolvenz.

Natürlich muss man auch mal das Management hinterfragen, dass sich ein Verwaltungsgebäude in der Nähe des Elbufers für 115.000 Euro Jahresmiete leisten wollte. Auch sind die drei Einzelgesellschaften der Gruppe hinsichtlich der Kosten zu überdenken. Und auch, dass der Fokus eher auf der Gastronomie als auf der Flotte lag. Doch das sind eigentlich Marginalien.

Bei einem Umsatz von 6 bis 7 Millionen Euro, und knapp einer Million Betriebskosten der Flotte pro Jahr, ist ein wirtschaftlicher Betrieb möglich. Ja, richtig gelesen. Millionen! Nicht Milliarden. Und auch nicht Billionen. Es geht um eine lächerliche Million Kosten pro Jahr. Eine Million für ein Wahrzeichen, das 150 Jahre die Landschaft prägte. Wo Raddampfer die Elbe zur Freude von Generationen die Elbe befuhren. Tourismus ausmachten. Ihn erst den Fluss hinauf begründeten.

Privatleute setzen sich nun für den Erhalt der Flotte ein. Es geht die Angst um, dass neben dem Arbeitsplatzverlust die Schiffe zum Schrottpreis veräußert werden müssen. 150 Jahre alte Industriedenkmäler für ein paar Euro die Tonne als Altmetall enden. Ein Schicksal, dass die Weiße Flotte auf dem Rhein durchlitten hat. Wo nie wieder ein historischer Raddampfer Dom, Deutsches Eck, Loreley und Rüdesheim andampfen wird…

Die ca. vierhundert Gesellschafter bangen nicht so sehr um ihre Einlage, denn der Preis ihrer Anteile tendiert gerade gen Null. Es sind auch viele Erben darunter, die diese Anteile eher als „nice to have“ sehen, da sie ohnehin in den letzten Jahren wenig Geld abwarfen. Aber immerhin: es gab Ausschüttungen. Die Flotte fuhr Gewinne ein!

Insolvenzverwalter, Freundeskreis und Gesellschaft streben eine Insolvenz in Eigenregie an, wollen die Herausforderung also selbst mit begleitender Insolvenz-Beratung lösen.
Dazu gehört, dass die jährlichen Betriebskosten wetterunabhängig gemacht werden sollen und die Flotte, wie öffentlicher Mittel, Spenden, Sponsoring und Crowdfunding, marschbereit gehalten werden soll. Idee dahinter ist die unstrittige Tatsache, dass die Flotte auch Tourismus begründet und fördert, sie also zum Kulturerbe der Region und des Landes Sachsen gehört.
Und diese Idee wird von der Bevölkerung mitgetragen. Nur ist nun wenig Zeit für Experimente. Die Zeit läuft ab. Die zurückgewiesenen Corona-Hilfen haben die Gesellschaft in Zeitdruck gebracht, zumal auch die Gastronomiebetriebe am Flughafen und am Zoo recht…leerstehen. Wie überall in Deutschland.

Und so versucht man was noch möglich ist, um in kurzer Zeit an Geld zu kommen. Es wurde ein Lego-Schiff gebaut und der Bauplan dafür ins Internet gestellt. So sollen 11 Euro pro Bauplan zusammenkommen. Das Unternehmen Lego wurde auch angeschrieben, hat aber noch nicht geantwortet.

Abb: Lego-Elbdampfer (Beschreibung und Shopping HIER)

Auch eine Sammeldosen-Aktion am Elbufer in Dresden ist im Gespräch, was schon ziemlich klar aussagt, dass momentan JEDER Euro zählt.

Die Stadt Dresden und die sächsische Regierung sind in die Gespräche eingebunden. Ihnen ist natürlich klar, dass die Flotte zum Kulturerbe Sachsens gehört. Doch in Corona-Zeiten, wo sich überall Steuereinbrüche und andererseits zusätzlicher Finanzierungsbedarf auftut, könnte eben diese Flotte einem Opportunitätsprinzip zum Opfer fallen, das bisher allen Krisen standgehalten hat. Selbst den verheerenden Schäden des Zweiten Weltkriegs.

So ist auch die Einbindung der Flotte in den regionalen Verkehrsverbund angedacht. Ähnlich den Elbfähren im Hafen von in Hamburg. Selbst die Zusatzausbildung der Kapitäne als Straßenbahnfahrer für Niedrigwasserzeiten ist diskutiert worden!

Es geht um nichts weniger als den Erhalt der Flotte als Ganzes (Schiffe HIER). Als zusammenhängende größte, fahrbereite und historische Dampferflotte der Welt. Eine Flotte, die den Verkehr im oberen Elbtal touristisch fördert, die miteinander verbindet, die ohnehin kaum ausreichenden Straßen entlang der Elbe entlastet und dabei in der Lage ist sich möglichst selbst zu tragen.

Dass Presseanfragen nicht bearbeitet werden ist zum Beispiel so ein Managementthema, das man diskutieren muss. So geht Presse- und PR-Arbeit nicht. Schon gar nicht in Krisenzeiten. Immerhin beschäftigt die Gruppe ca. 30 Mitarbeiter in der Verwaltung, die eben soetwas leisten sollten. Und es ist auch nicht so, dass es nicht um Arbeitsplätze ginge.
Es gibt also zusätzliches und sichtbares Optimierungspotential und auch Synergieeffekte die für das Unternehmen gehoben werden können.

Natürlich kann diese Flotte auch zum Politikum werden. Sollte sie der Beliebigkeit geopfert werden, wird das Auswirkungen auf die Politik in Sachsen, vermutlich auf ganz Ostdeutschland haben. In Wahljahren ist das tödlich, zumal Sachsen schon jetzt nicht mehr gewillt ist den Volksparteien allzu großes Vertrauen zu schenken. Abgewrackte Dampfer können da nur schaden und eine sichtbare Tendenz weiter fördern.

Der Autor ist Unternehmensberater, nicht für Restrukturierung, sieht aber sehr wohl Möglichkeiten ein dauerhaftes Sponsoring und Spendenaufkommen zum Erhalt der Flotte zu organisieren. Sagt aber auch ganz klar, dass das Management besser werden muss und sich darauf zu besinnen hat, dass die Flotte kein Gastronomieunternehmen ist, sondern eine Dampferflotte mit Gastronomie an Bord, die Teil eines Verkehrskonzeptes im Elbtal ist. Aber dafür das Aushängeschild dieser Region ist, die selbst zum Weltkulturerbe gehört. Hier ist der Fokus des Unternehmens zu sehen.
Wenn sich der Geschäftsführer der Gesellschaft eher als Kommodore der Flotte anstatt des Gastronomieleiters verstehen würde, wäre viel erreicht!

Daher ist jeder aufgefordert die Flotte zu unterstützen. Und in Anbetracht der kleinen nötigen Beträge hilft hier jeder Euro, der den Dampfern zugesteckt wird. Schaut nicht auf das Jetzt, wo in der Corona-Krise jeder Euro zweimal umgedreht wird. Schaut auf das Morgen, wo diese Dampfer dann auch noch fahren sollen. Fahren müssen. Denn sie sind Teil unser aller Geschichte.

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1 thought on “Dresden: sächsische Dampferflotte von Insolvenz bedroht – aber ganz Sachsen kämpft für den Erhalt

  1. …Die Flotte fuhr Gewinne ein!…Ja, wenn man sich die Elbezeit GmbH die letzten Jahre anschaut auf bundesanzeiger.de , da wurden Gewinne gemacht die alle zur Schiffsgesellschaft rübergeschoben wurden. Auf der Personalversammlung am 23.07.20 wurden durch den „Gastronomieleiter“ 42 Kündigungen ausgesprochen und übergeben. Ein älterer Herr meinte: 3 Millionen in den letzten Jahren verbrannt, 10% Ausschüttung an die Kommanditisten jählich, wo gibt es 10% Zinsen? Eins bleibt in Erinnerung: Kündigung auf dem Schiff „Gräfin Cosel“ erhalten, Dauer der Veranstaltung 11 Minuten 30 Sekunden, kein Dank vom „Gastronomieleiter“ an die Entlassenen für die geleistete Arbeit der letzten Jahre.
    Ahoi!

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