Covid-19: „Der Virus an der Grenze…“

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Der Virus an der Grenze“ könnte nun eines der Themen sein, die unser Ideal des deutschen Journalismus, Claas Relotius, einen weiteren Pressepreis hätte einbringen können. Das Thema wäre SPIEGEL-tauglich. Hat es doch alles, was man als journalistischer Verschwörungstheoretiker mit geneigter Meinung so braucht: ein akzeptiertes Thema, Ängste und ein geneigtes, weil gläubiges Publikum.
Und man kann sogar Reisekosten sparen. Muss nicht in die USA reisen, um dort mit einer Bürgerwehr auf Grenzstreife zu gehen. Hier sparen dann die Redaktionen viel Geld, zumal das Ergebnis ja schon im Vorfeld bekannt ist. Sein sollte.

Doch wo der „Ausnahmejournalist“ Relotius bei seinen Reportagen tüfteln musste, gern mit untermalter Musik, reicht bei Corona die Realität. Und die ist auch ohne journalistisches Zutun grausam genug.

 

Warum? Weil ein Virus keine Grenze kennt.

 

Und das macht alles, was wir tun oder lassen, uns wünschen oder abwenden wollen oder auch mit allem was wir haben bekämpfen wollen sinnlos. Denn wir kennen Grenzen. Achten sie und weisen dem so abgegrenzten Gebiet Rechte und Maßnahmen zu. Jeder halt für sich. Hinter seiner Grenze.

Natürlich schielt man auch mal über den Zaun in des Nachbarn Garten. Aber was der macht ist egal. Oder ist nun wieder egal. Denn es gilt seinen Garten zu bestellen. Und nach dem Lockdown sieht es überall nicht allzu gut aus.

Nehmen wir mal an, dass wir in Gronau (Westfalen) wohnen. Als Beispiel. Es gibt derer Orte vieler in unserem Land. Hier reist man ein paar Kilometer nach Norden und ist in einem anderen Bundesland, nämlich Niedersachsen. Stolpert man nach Westen aus dem Ort hinaus, ist man in Enschede. Und das liegt bekanntlich in den Niederlanden.
Für uns sind das durchaus Grenzen, die unterschiedliche Auffassungen von dem haben, wie man so lebt. Gerade jetzt, in der Pandemie.

 

Ich will normal ins Restaurant oder Einkaufen gehen? Dann mal schnell nach Holland. Ich finde Laschet‘s lasche Einstellung falsch? Dann ab nach Niedersachsen. Oder Niedersachsen kommt in Laschet-Land. Oder Holland schimpft auf deutsche „Urlauber“, weil sie nicht angesteckt werden wollen. Von Leuten, die unter deutlich härteren Maßnahmen leben und leben mussten als sie selbst, um eben die Ansteckung zu vermeiden.

Natürlich könnte man glauben, dass soetwas der Bund innerstaatlich und auch EU-übergreifend regelt. Doch das wäre ein Irrglaube. Die Länderchefs haben Merkel vor die Tür gesetzt und machen nun ihr eigenes Ding. Die ersten EU-Staaten haben die Krise für beendet erklärt und die Niederlande machen nun langsam auch mit. Warum auch nicht? Es ist schönes Wetter, der Sommer naht und das Volk hat die Nase voll. – Und das Steuersäckel ist leer.

Ein Relotius würde nun seinen Spaß haben Grenzgängern journalistisch (d.h. daheim am Schreibtisch sitzend) aufzulauern und sie des Virusschmuggels zu überführen. Stilistisch und sprachlich so schön, dass nie ein Zweifel aufkommt. „Der Virus an der Grenze…“

Denn was alle nicht glauben wollen oder können, er hätte es bewiesen. Unabhängig was so Recht ist, der Virus kommt durch. Nicht durch den Maschendrahtzaun, der auch mal besungen wurde, wohl aber durch die Abwehrmaßnahmen, die halt nicht einheitlich sind. Daher Schlupflöcher und Maschen bieten.

Und da der Virus unsichtbar ist, man auch nicht sieht wer ihn hat oder nicht, sind solche Grenzen mit unterschiedlichen Rechtsrahmen auch willkommene Entschuldigungen für alle, die den Hals voll haben.
Und die bekommen so auch gleich gute Argumente für ihren zunehmenden Widerstand.

Warum soll ich mich in Gronau einschränken, während ein paar Kilometer weiter das pralle Leben tobt? Haben die eine andere Art von Corona, die das zulässt? Und wenn nicht, warum soll ausgerechnet(!) ich mich nun daran halten?
Ladenbesitzer fragen sich, ob sie spinnen? Ihre eigenen Läden müssen geschlossen bleiben während ein paar Meter weiter das Geschäft nun doppelt brummt? Restaurants müssen Leertische einbauen während anderswo man sich dicht an dicht tummelt. Nicht in Spanien, auf den Malediven oder dem Mond. Nein, in Sichtweite. Nur hinter der Grenze.

Woran liegt das? Haben die Niederländer andere Zahlen zu Corona? Andere Erkenntnisse? Bessere Experten, Berater und Ratgeber? Mutigere Politiker oder solche mit mehr Sachverstand? Oder haben die nur Spinner als Entscheider, die den Schweden nacheifern wollen?

Und wenn das da geht, warum dann nicht auch bei mir? Als eher vollversorgter Beamter mit garantiertem Einkommen mag da eher die gesundheitliche Sicherheit vorgehen, andere, die das Steuergeld finanzieren müssen, sehen das vielleicht etwas ignoranter. Dem Virus gegenüber zumindest.

Und wo existenzielle Not schneller um sich greift als es der Virus gesundheitlich je hätte schaffen können, wächst nun auch der Gedanke, dass man dagegen etwas tun müsse. Man auf sein Recht pochen müsse. Es herbeiführen müsse.
Hier schlägt dann die Stunde der Komödianten – will sagen der Gerichte und Rechtsanwälte – die nun anfangen politische Lösungen juristisch zu hinterfragen. Und komischerweise finden sie diese Lücken im Maschendrahtzaun. Kippen Maßnahmen, setzen Bußgelder aus und heben Entscheidungen komplett auf. Wenn nicht in erster dann mit Sicherheit in letzter Instanz. Denn je weiter man sich hochklagt, desto eher werden Urteile auf der Metaebene des Rechts gefällt. Und dort ist oft Freiheit das oberste Gut. Und das war es dann.

„Der Virus an der Grenze“. Doch an welcher denn? Für den Virus gibt es sie nicht. Der hüpft notfalls drüber. Bildlich gesprochen. Länderrecht, nationales Recht oder EU-Recht ist diesem virologischen Migranten völlig egal. „Hier bin ich, hier will ich sein“, könnte sein Motto zum Ausdruck bringen.

Wenn dem Bürger je vor Augen geführt wurde, wie schlecht wir als Europäer oder auch nur als Bundesbürger aufgestellt sind eine gemeinsame Krise zu meistern, dann sehen wir das an der offenen Schengengrenze, die nicht wirklich auch eine Coronagrenze ist. Die alles konterkariert, was man gemeinsam versucht hat zu vermeiden. Mit erheblichen Opfern von Gesellschaft, Wirtschaft und auch als Staatswesen an sich. Wo man auf Grundrechte zu verzichten bereit war.

Das ist wie auf einem sinkenden Schiff mit offenem Rumpf das gemeinschaftliche Pumpen einzustellen, obwohl das Leck immer noch da ist. Und dann das Beste zu hoffen, weil jeder Schiffsabschnitt für sich bestimmt. Das wäre immerhin ein föderalistisches Demokratieprinzip. Es kann also nur gut sein.

Kein Kapitän würde das mitmachen. Würde wohl von Meuterei reden. Das Seegericht vermutlich auch. Doch was anderswo klar ist, ist bei Corona anders.

Und bald fliegen wir alle wieder in den Urlaub. Südeuropa wartet schon. Dann haben wir noch ein paar Grenzen mehr überschritten. Ischgl und Heinsberg lassen grüßen. Heißen dann Mallorca, Adria und türkische Riviera.

Der Virus an der Grenze… Und im Hintergrund läuft die Melodie aus Sergio Leones Film. – Spiel mir das Lied vom Tod!


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