Branchen-Seismograph: Erdrutsch droht bei Aufträgen, Umsätzen und Exporten. Stimmungsindikatoren im tiefen Fall.

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Kassel. „Nachdem die allgemeine Geschäftslage bei den nordhessischen Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie vor einem Jahr noch ‚befriedigend‘ war, zeichnet sich nun ein erdrutschähnlicher Einbruch in den nächsten sechs Monaten ab. Die wirtschaftliche Unsicherheit ist global auf hohem Niveau, internationale Kollateralschäden durch politische Instabilität sind eine der Ursachen für ein deutliches Minus bei Investitionstätigkeiten im nächsten Halbjahr. Die Auftragsbestände, Umsätze, Erträge und Exportzahlen in den nordhessischen Betrieben sind im Vergleich zum Vorjahr dramatisch eingebrochen. Das ist keine ‚konjunkturelle Abkühlung‘ mehr, von der wir im letzten Jahr gewarnt haben, das ist ein mittleres Erdbeben“, fasst Dr. Hans-Friedrich Breithaupt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbandes HESSENMETALL Nordhessen, die Ergebnisse der diesjährigen Herbstumfrage zusammen.

Karsten Stückrath, ebenfalls stellvertretender Vorstandsvorsitzender, ergänzt: „In diesem Jahr kommen offensichtlich zwei Dinge zusammen, die die Zahlen so düster aussehen lassen. Das ist zum einen die konjunkturelle Komponente: Schon im letzten Jahr verdunkelte sich der Horizont durch die geopolitische Gesamtwetterlage, unter anderem durch den Handelskrieg zwischen China und den USA, die Unsicherheiten durch den Brexit und viele Krisenherde. In diesem Jahr kommen gravierende Umwälzungen durch den Digitalen Wandel und die fortschreitende Elektromobilität hinzu. Es sind beide Komponenten zusammen, die für den Erdrutsch sorgen. Die goldenen Zeiten sind offensichtlich vorbei.“  

Jürgen Kümpel, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes in Kassel, betont: „Viele unserer Mitgliedsunternehmen arbeiten direkt oder indirekte für die Automobilbranche. Sie war über viele Jahrzehnte das sichere Standbein unserer Wirtschaft und unseres Wohlstands. An ihr hängen in der Wertschöpfungskette tausende von Zulieferunternehmen und Arbeitsplätzen. Dieses Standbein wird nun schwach und wir haben erst einmal keinen Ersatz. Die Verunsicherung bremst Investitionen. Die Automobilindustrie als Schlüsselbranche leidet als erste darunter. Das wird nicht ohne Auswirkungen auf die Beschäftigungsentwicklung haben. Wie das statistische Bundesamt mitteilte, erhöhte sich das Bruttoinlandsprodukt zum Vorquartal lediglich um 0,1 Prozent. Das ist so gut wie kein Wachstum. Unter diesen Umständen in neue Technologien zu investieren, ist das Gebot Nr.1 für die Unternehmen. Dafür und in die Qualifizierung der Beschäftigten werden die Rücklagen nun gebraucht. Für die bevorstehende Tarifrunde 2020 bedeutet das Zurückhaltung, damit die Arbeitskosten für den Standort Deutschland nicht steigen.“

Sie stellten die Ergebnisse der Herbstumfrage 2019 vor: von links die beiden stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Karsten Stückrath und Dr. Hans-Friedrich Breithaupt sowie der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes HESSENMETALL Nordhessen, Jürgen Kümpel

Die Umfrageergebnisse im Detail:

Die aktuelle Geschäftslage wird von 27,9% (Vj. 59,5%) der Befragten mit „gut“ und von 37,2% (Vj. 32,4%) mit „befriedigend“ eingeschätzt. In den kommenden sechs Monaten rechnen 51,2% (Vj. 75,7%) mit einer „vergleichbaren“ Geschäftslage. 34,9% (Vj. 5,4%) schätzen sie als „schlechter“ ein.

Die Auftragsbestände sind für 16,3% (Vj. 40,5%) der Betriebe „verhältnismäßig groß“, für 44,2% (Vj. 45,9%) „ausreichend“. Als „zu gering“ beurteilen 39,5% der Befragten die Auftragsbestände. Im letzten Jahr sagten das nur 13,5%.

Auf die Frage, wie die Unternehmen die Auftragsbestände in den kommenden sechs Monaten beurteilen, sagten 14% (Vj. 29,7%) „eher zunehmend“ und 51,2% (Vj. 8,1%) „eher abnehmend“.

Die wertmäßigen Umsätze sind schlechter als vor einem Jahr. Das sagen 27,9% (Vj. 8,1%). Für nur 23,3% sind sie „gut“, im Vorjahr sagten dies noch 48,6%. Noch düsterer sieht das Bild in den kommenden sechs Monaten aus: Hier sagen 48,8% der Befragten eher fallende Umsätze voraus (Vj. 13,9%).

Das Ertragsniveau ist für nur für 20,9% „gut“. Im letzten Jahr sagten dies immerhin noch 41,7%. Bedenklich ist, dass 44,2% mit fallenden Erträgen rechnen. Im Vorjahr lag dieser Wert bei nur 13,9%.

 Die sich abzeichnende Krise hat momentan noch wenig Auswirkungen auf die Investitionsfreudigkeit. Das wird sich nach Ansicht der Unternehmen im kommenden Halbjahr ändern: für 34,9% werden die Investitionen fallen; im letzten Jahr lag dieser Wert noch bei weniger als die Hälfte, nämlich bei 16,7%.

Die größten Anteile der Investitionen verzeichnen die Bereiche Produktinvestition und Rationalisierung, den Ersatz von Maschinen und die Qualifizierung der Beschäftigten. Im letzten Bereich ist eine Verdoppelung der Aktivitäten (von 10,8% in 2018 auf 23,4% in 2019) zu verzeichnen, die sich in den kommenden sechs Monaten in abgeschwächter Form fortsetzen werden. Die Herausforderungen der Digitalisierung werden als Grund für diese Entwicklung gesehen.

Die Auslandsinvestitionen sind mit 13,7% (Vj.12,0%) laut Umfrage steigend. Es wird vermehrt investiert in Asien und Nordamerika. Rückläufig sind Europa und der Euroraum.

Der Exportanteil hat im Vergleich zum Vorjahr stark abgenommen. Er beträgt laut Umfrage 31,5% (Vj. 43,1%). Exportiert wird hauptsächlich in den Euroraum (42,7%) und das übrige Europa (20,0%). Nach Asien wird mehr exportiert als bisher, sagen 21,3% (Vj. 16,7%). Die wertmäßigen Exporte sind momentan noch ausreichend bis verhältnismäßig hoch. Auch das wird sich im nächsten Halbjahr ändern: Für 35,9% der Befragten Unternehmen werden die Exporte eher fallen. Im Vorjahr sagten das nur 3,3%.

Die aktuelle konjunkturelle Situation bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Beschäftigung, die momentan noch stabil ist. Die Mitgliedsunternehmen sehen einen Schwund von rund 2%, der zuerst zu Lasten der Zeitarbeitnehmer gehen wird. Inwieweit sich das düstere Bild auf Stammarbeitsplätze auswirken wird, bleibt abzuwarten. Qualifizierte Facharbeiter sind nach wie vor gesucht. Sie müssen sich jedoch den neuen Herausforderungen der digitalen Transformation stellen. Dennoch bleibt die Tatsache, dass Elektromotoren nur einen Bruchteil der Bauteile von Verbrennungsmotoren haben. Ein Abbau von Stellen scheint die unausweichliche Konsequenz.

Hintergrund

Der Verband der Metall- und Elektro-Unternehmen in Nordhessen ist eine von fünf Bezirksgruppen des Arbeitgeberverbandes HESSENMETALL, bei dem über 620 Unternehmen mit rund 135.000 Beschäftigten organisiert sind. Die Bezirksgruppe in Nordhessen hat 156 Mitgliedsunternehmen mit 26.000 Beschäftigten und vertritt diese in den klassischen Feldern des Arbeits- und Sozialrechtes, ist Tarifpartner und betreibt aktive Bildungs- und Gesellschaftspolitik. Die M+E Industrie in Nordhessen bildet über 4.000 Jugendliche aus und schließt jährlich über 1.200 neue Ausbildungsverträge ab.

Verband der Metall- und Elektro-Unternehmen Hessen, Bezirksgruppe Nordhessen e. V.

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