Abzocke bei Messen – Hotels im Fadenkreuz

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Eine Messe ist ein Begegnungsort. Sie ist branchenspezifisch, überregional bis international und dient der persönlichen unmittelbaren jeweiligen Präsentation. Kunden, Partner und Unternehmen treffen sich. Der persönliche unmittelbare Kontakt, der im Geschäft extrem wichtig ist, wird gefördert. Mitunter entscheidet ein Messeauftritt nach wie vor über Erfolg oder Misserfolg von Produkten, Ideen, Innovationen und/oder Unternehmen. Letztere prägen mit diesem Erfolg dann auch ihre Standorte und die Wohnorte ihrer Mitarbeiter nachhaltig.

Dass eine Messe im digitalen Zeitalter immer schwieriger wird, davon können Messeveranstalter ihr Klagelied singen. Der olympische Gedanke, Dabeisein ist alles, war einmal. Messestände werden zu Showflächen, Erlebniswelten und interaktiven Spielwiesen der Eitelkeiten, des „Show of Force“ und der medialen Vielseitigkeit.
Ein Messestand mit Tisch, Stühlen und Firmenposter an der Wand war einmal. Kreative Unternehmen wie das Kölner Unternehmen La Concept GmbH (HIER) zeigen immer wieder Möglichkeiten auf aus dieser Masse an Visualität dennoch herauszustechen. Interaktive Tools, VR und andere visionäre Techniken kommen zum Einsatz, fesseln Besucher auch allein schon durch den „Touch des Neuen“. Das ist Konzept, gewollt und vom Aussteller auch so gewünscht und bezahlt.

Messeveranstalter versuchen den Messen insgesamt einen Erlebniswert zu geben. Das Rahmenprogramm wird durch organisierte abendliche Partys ergänzt. Und auch die sind nicht (nur) Spaß. Auch sie dienen zu 70% dem Geschäft. Hier werden Beziehungen vertieft. Auch das ist Kalkül. Wer diesen Aspekt nicht beachtet, der hat keinen Erfolg. Das passive Publikum, Fachaussteller wie auch Besucher vor Ort sind da durchaus verwöhnt. Oft ist das auch Entscheidungsgrundlage überhaupt als Aussteller tätig zu werden. Man will Teil der Show sein.

Doch selbst wenn das Messekonzept stimmt, das Thema gut angenommen wird, die Konjunktur brummt und Fachaussteller die Messe gut annehmen, und durch ihre eigenen Beiträge zusätzlich zum „Event“ machen, zeigt sich zunehmend ein Problem: die Messen bauen ab!

Die CeBit in Hannover ist schon tot. Die IAA an sich steckt in der Krise. Die Frankfurter Buchmesse will nach Leipzig und von Leipzig wandert die Frühjahrsmesse nach Aachen. Doch was wie ein Zirkeltausch a la „Reise nach Jerusalem“ aussieht, hat System. Und dieses System ist die Messe-nahe Abzocke derer, die ohne einen Finger zu rühren um eben diese Messe positiv mitzugestalten, als reiner Nutznießer auftreten und eben diese Messe nicht gerade symbiotisch bereichern. Keine Synergien eingehen. Sondern nur abzocken. Und hier kommen die Hotels ins Spiel…

Bei großen Messen sind nicht nur die Zimmer in den Messestädten knapp/ausgebucht, sondern auch im Umland und entlang den Zubringerwegen entlang der Autobahnen und Bahn-Trassen. Zum Beispiel jetzt ist rund um Köln alles dicht. Von Duisburg bis Koblenz und von Aachen bis hinein ins Sauerland.
Und das hat zur Folge, dass Zimmerpreise plötzlich explodieren. Das Sechs- bis Zehnfache kosten. Buchungsportale für Hotels eben keine Reservierungen oder gar Buchungen garantieren, weil diese gemäß Auskunft der Hotels „überbuchen“. Aber kulanter Weise hat man da oft noch ein Zimmerchen frei. Für einen vierstelligen Betrag – pro Nacht. Und je später die Stunde desto dreister der Hotelier.

Das ging schon soweit, dass man die Frankfurter Buchmesse nach Leipzig verlegen wollte. Wegen dieser alljährlichen Hotelzimmerabzocke im Raum Frankfurt. Man setzte sich zusammen. Das Thema war vom Tisch. War. Aber Wunder währen nicht ewig…

Während also Aussteller und Messebetreiber ihr Möglichstes tun, Messen interessant zu halten, innovativ zu sein und den Begegnungscharakter auch in Zeiten von Videokonferenzen, Internet und aufkommender VR zu halten, gibt es da eine Branche, die ähnlich der Schlüsseldienstmafia Besucher wie Aussteller abgreifen. Und das ohne auch nur ihre Homepage mit den dort verbindlichen Angeboten zu Zimmern zu ändern. Das ist allein schon wettbewerbsrechtlich bedenklich. Vom Servicegedanken reden wir hier besser gar nicht, zumal Hotelkunden als Hotelgäste anzusehen eigentlich branchenspezifisches Kernthema dieser Trittbrettfahrergilde sein sollte.

Dass hier gerade die Großen eher zurückhaltend agieren ist hervorzuheben. Zurückhaltend heißt hier eine Steigerung von bis zu 200% zu Messezeiten. Doch andere, kleinere Häuser, die ansonsten weniger gefragt, weil desolat ausgestattet, sind, treiben hier in einer Art und Weise ihre Gewinnmaximierung voran, dass man meinen könnte sie würden ausschließlich von Messen leben und ansonsten ihre Zimmer einmotten. Letzterer Verdacht könnte durchaus zutreffen…
Übelste Absteigen, wo selbst Sozialämter die Belegung mit Flüchtlingen verweigern würden, aus Angst vor mieser Presse für die politische Ebene der Behörde, werden hier zu hunderten Euro pro Nacht und Nase an den Geschäftsmann gebracht.

Dass sich damit dann auch die nachhaltige Wertigkeit der Messe an sich, für Aussteller wie aber auch für Besucher, zunehmend anders rechnet, wird gerade den Messebetreibern überaus deutlich. Daher die zirkelartige Verlegung von Messen in andere Standorte. Um Besuchern wie Ausstellern eine preisgünstigere Umgebung zu bieten. Und was da als preisgünstig zählt ist branchenabhängig…

Dass damit dann auch Messestandorte an sich, samt Gastronomie und geschäftlichem Umfeld sowie der Kämmerer der Stadt an sich das Nachsehen haben, interessiert eben diese Zimmeranbieter nicht. Komischer Weise sieht aber auch die Kommune keinen Grund hier mal genauer hinzusehen.

Es ist ja auch nicht so, dass diese „temporalen Preissteigerungen“ durch höhere Zuliefererkosten begründet wären. Wenn ein Frühstück anstatt fünfzehn Euro im Hotel plötzlich fünfzig kostet könnte man natürlich auf neu hinzugekommenen Kaviar tippen. Doch das ist nicht so. Auch kostet zu Messezeiten der angelieferte total vegane Bio-Kopfsalat nicht plötzlich fünf Euro pro Kopf. Oder das Mineralwasser sieben Euro pro Viertelliterflasche. Zumindest nicht dem Hotel, dem Rest aber schon.

Und auch das Personal im Hotel verdient nicht mehr. Zumindest schaute die Putzfrau bei der Frage eher belustigt drein.

Und so wird aus einem Abzockerproblem schnell ein wirtschaftliches Problem für viele Unternehmen und die Kommune samt Standort an sich. Denn der ausrichtenden Stadt bringt eine Messe auch Geld. Kein unbedeutender Aspekt in zunehmend rezessiven Zeiten bei steigenden sozialen Ausgaben und Befindlichkeiten.

Dass in diesem Zusammenhang Kommunen wie Berlin ernsthaft daran denken nun leerstehende Containerdörfer aus Flüchtlingszeiten teuer abzureißen, stimmt nachdenklich. Berlin will so ein Containerdorf für 47 Millionen zurückbauen…
Auch Köln hat solche Dörfer. Diese könnten durch Zusammenlegung beispielsweise so ausgelastet werden, dass eines dieser Dörfer dann für Messetage dauerhaft und alleinig zur Verfügung steht. Sie würden dann sogar Sinn machen, Geld bringen UND keine Abbaukosten verursachen. Von Aufrechterhaltung von Restkapazitäten für diverse weitere Zuwanderung ganz zu schweigen. Oder als Übergangsquartier für Wochenendpendler. Auch hier ist die Wirtschaft auf Kapazitäten angewiesen. Das vielzitierte Personalproblem ist auch ein Wohnungsproblem geworden (HIER).
Oder auch für Obdachlose. Im Winter… das wäre dann ein rein sozialer Gedanke abseits wirtschaftlicher Tragfähigkeit.

Der Autor ist ein Gegner von Regulierungen des Marktes an sich. Er glaubt an das Regulativ der Marktmechanismen, soweit sie nicht politisch verseucht werden. Doch weiß jeder Mensch, dass solche sich selbst regulierenden Prozesse immer dann ausgebremst werden, wenn es kein entsprechendes Angebot gibt. Oder in Engpasssituationen die Abzocker das System beherrschen.
Anders als im Wohnungsmarkt an sich, ist hier bei den Hotels diese widerliche Gier zu spüren, die auch bei Schlüsseldiensten einen gewissen Charme versprüht. Wo „Not“ (aus)genutzt wird. Das Wort „Wucher“ frei im Raum hängt, aber behördlicherseits nicht eingegriffen wird. Selbst gerichtlich kaum zu stoppen ist.
Was kommt als nächstes? Dass gehbehinderte Senioren Lieferdienste nur noch zum vierfachen Preis beauftragen können, eben weil sie nicht selbst laufen können?? Das wäre nur konsequent weitergedacht (sic!).

Hier würden sich auch ehrliche (!!) Rezensionen zu diesen Hotels bei Google lohnen, zumal man dazu explizit aufgefordert wird sobald man mal für zehn Minuten in der Nähe war. Die Digitalisierung kann hier helfen die schwarzen Schafe um die schmarotzte Wolle zu bringen.

Tatsache ist aber, dass das Messesterben so weitergehen wird, wenn es nicht gelingt Trittbrettfahrer, Abzocker und Wucherer im Umfeld solcher Messen klein zu halten. Von weither anreisende Besucher, und das ist der Gradmesser für den Erfolg von Messen, wenden zwei bis drei Arbeitstage auf, müssen je nach Anreiseentfernung bis zu zwei Übernachtungen buchen, was dann schnell zu vierstelligen Messebesuchskosten pro Person führt – zusätzlich zum Produktivitätsverlust an sich. Das sind Kosten, die müssen in Relation zum beabsichtigten Erfolg der Messe stehen. Sie müssen sich rechnen. Gerade auch für KMUs oder Einzelunternehmen. Wenn das nicht gelingt, dann geht das Messesterben weiter. Und mit ihnen die (kommunalen) Messeumfelder. Und dann sind auch diese Bruchbuden zu 7-Sternepreisen weg.

Foto: Yusuf Simsek: „Das Ende der Kuschelzeit“ , http://simsek.ch/


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