Deutschland ist rauh geworden. Manchmal auch rücksichtslos und brutal. Ein Appell zum Zusammenhalt von Renate Zott.

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Eine Zäsur haben Journalisten den abscheulichen Anschlag in Halle genannt. Ein Attentat, das die Stadt und die Menschen, die dort leben verändert und zwar für immer. Ein davor und danach schafft. Zuvor wurden auch andere Städte in Deutschland zu Orten von Mord und Gewalt: Frankfurt, Berlin – die Liste ist lang. Zwar waren die Hintergründe und Motive andere, gleichwohl hatten alle Gräueltaten eins gemeinsam: Tote und Opfer sinnloser Gewalt; verabscheuungswürdiger Überzeugungen.

Dass Terror wie dieser etwas mit den Menschen macht, steht außer Frage. Dass sich dadurch etwas grundsätzlich ändert, glaube ich nicht. Nüchtern betrachtet gehört Gewalt oder mindestens Gewaltbereitschaft zu unserer Spezies, so wie der Wunsch, gemeinsam in Frieden zusammen zu leben. Gut und Böse in einer Person. In jeder. Seit es die Menschheit gibt, gibt es Kriege; machen Menschen sich Gedanken, wie sie andere töten können. Jahrtausende alte Fels- und Wandmalereien sind Zeugnis dafür.

Man muss nicht gleich töten oder mit Mordabsichten aus dem Haus rennen, um zu erkennen, dass Gewaltbereitschaft in jedem steckt. Schlägereien, Eltern, die ihre Kinder verprügeln, Männer die Frauen schlagen oder vergewaltigen – all das und vieles mehr. Auf dem Weg durch die Hochhäuserschlucht in Frankfurt siehst du wie Verkehr zur Schlacht wird – jeden Tag. Die Rücksichtlosigkeit wohnt in den Fahrern, egal in welchem Vehikel, egal mit welchem Antrieb. Auch das ist Gewalt im weitesten Sinne. Vor wenigen Tagen wurde ich Augenzeuge einer Fast-Schlägerei um einen Parkplatz und zwar um jenen, den ich gerade verließ. Zwei, die sich im Streit um die Lücke beinahe an die Gurgel gegangen wären. Ich hab‘ mal gelernt, dass der den Platz bekommt, der am nächsten dran ist und nicht der, der verkehrswidrig angerast kommt, um schneller drin zu sein. Die Zeiten haben sich geändert.

Nach meinem Gefühl bewegen sich unsere erprobten Grenzen im Fall und wo bleiben überhaupt Anstand und Moral? Gibt es noch so etwas wie Gewissen? Gemeinsinn; Werte? Oft sitze ich in meiner Schreibtisch-Ecke und denke: mein Gott, wo geht die Reise hin mit uns? Es ist doch schrecklich, wie viele Menschen heute miteinander umgehen – roh, egoistisch, aggressiv, grässlich-hässlich. Das Internet und die sozialen Medien haben viel Freiheit gebracht, aber auch die Verbreitung von Gedankengut, das mir völlig fremd ist. Was heutzutage, u.a. angefeuert von der Möglichkeit des unerkannt bleibens, in Köpfen wächst und Verbreitung findet, ist erschreckend und nicht weniger, auf welche verbalen Kriegszüge aufgesprungen wird. Das ist tatsächlich eine Entwicklung, die mir Angst macht. Diffamierungen, übelste Beleidigungen, Hetze in alle Richtungen, Hate Speech – es ist außer Kontrolle; die Suche nach neuen Grenzen schwer. Der Zug ist längst in voller Fahrt und nimmt sie auf, in die Algorithmen, die sie in Echokammern zusammenbringt, diese oft radikalen Gruppierungen auch noch technisch verbündet. Wenn wir also davon sprechen, dass ein Riss durchs Land gegangen ist, wenn unsere Gesellschaft gespalten ist, dann ist all das Wasser auf die Mühlen derer, die das so wollen. Möglicherweise ist Bildung die einzige Chance, Menschen zu überzeugen, dass ZUSAMMEN in einem demokratischen Land mit Meinungsfreiheit und einem toleranten Miteinander grundsätzlich der bessere Weg ist. Überdies als Errungenschaft zu bezeichnen, wenn eine Gesellschaft diese Lebensform auf Dauer aushält. Leider fällt Bildung nicht vom Himmel und auch nicht das, was man gemeinhin unter menschlichem Miteinander verstehen sollte. Deshalb ist mein persönliches Fazit zu unserem sozialen Diskurs heute und perspektivisch katastrophal. Auch wenn die Statistiken zu Mord und Totschlag aktuell sogar rückläufige Zahlen liefern, finde ich die Aussichten besorgniserregend. Wir müssten da alle beständig wachsamer sein. Zusammen. Unsere Werte gemeinsam beschützen; nicht nur nach Anschlägen.

Ich gehöre gewiss zu den allergrößten Befürwortern von Frieden, friedvollem Miteinander, Freiheit, Demokratie und Toleranz. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass die Hoffnung auf dieses Zusammen leider eine Vision bleiben wird. Vielleicht macht es mir diese Einstellung ein bisschen leichter angstfrei Länder zu bereisen, die viele als gefährlich erachten. Vielleicht sehe ich mich deswegen nicht nach Attentätern oder Bombenlegern um, wenn ich am Bahngleis stehe oder ein Konzert besuche. Sicher ist doch nur, dass es jeden jeden Tag und zu jeder Stunde erwischen kann.

Egal wo man ist. Natürlich suche ich nicht die Gefahr, aber ich weiß, dass ich ihr nicht wirklich entkommen kann. Ein Erfolg und ein Schritt in die richtige Richtung wäre für mich schon, wenn wir weniger schonungslos und unbesonnen miteinander umgehen. Auch so, im gesellschaftlichen und politischen Alltag. Leider fehlen uns schon dafür die „Vorbilder“, die das rechte Maß einhalten. Also jene, denen man von Amts wegen zutrauen können sollte, sich selbst maßvoll zu verhalten und zu äußern; jene, die Maßstäbe setzen.

Ich finde, das Maß ist mehr als voll.


DIE AUTORIN RENATE ZOTT

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.


Dieser Artikel erschien zuerst in unserem Partnermagazin: https://dnews24.de/


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