DER NSU-PROZESS. DIE PROTOKOLLE

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Besprechung eines Theaterstücks im TIF Kassel


Annette Rammelsberger, Wiebke Ramm. Taniev Schultz, Rainer Stadler

DER NSU-PROZESS. DIE PROTOKOLLE

Fassung von Janis Knorr und Petra Schiller

 

Kostprobe 10. September und PREMIERE 12.09.2019

Basierend auf den Protokollen der SZ (Süddeutschen Zeitung) vom Mammutprozess über 432 Tage in 5 Jahren, haben Janis Knorr und Petra Schiller daraus ein Stück für das Theater im Fridericianum entwickelt. Im Mittelpunkt die Ermordung Halit Yozgat’s in dessen Internetcfe  am 6. April 2006 in der hiesigen Holländischen Straße.

 Nach einem missglückten Banküberfall  der  beiden vermeintlichen  „Köpfe“ des NSU  richteten diese sich selbst. Anschließendes Bekennervideo im Namen des NSU  brachte dann genau das Licht ins Dunkel, was bei den ermittelnden Behörden allerorten nicht aufgegangen ist. Weil sie ich weis nicht in welche Richtungen auch immer ermittelten. Nach rechts, da wo das Kreuz dranhängt partout sich verweigerten.

Das wahllose Morden des NSU zeigt eines ganz deutlich, es hätte jeden treffen können von den „kleinen Leuten“ diesen Landes. Wenn man den Satz: „Dümmer als die Polizei erlaubt“ bemüht, zeigt sich die ganze Ignoranz des Staates und Aufklärung verkommt zu wertlosen Worthülsen.

 Das macht verFASSUNG’s los.

 

Bühnenbild: Im Namen des Volkes verkommen zu einer Lichtreklame? Vor dem Gesetz sind alle gleich.  Symbolisch dazu traten alle Darsteller auf der Bühne einheitlich in einem Rose Farben Ganzkörperanzug auf, dazu weise „Treter“ unterschiedlichster Art an den Füßen. Die schlichte Bühnenausstattung wurde in Kürze von Meret Engelhardt (Richterin) und Rahel Weiss (Anklagevertreterin) zu dem Ort gestaltet ,an dem sich der Mord an Halit Yozgat seiner Zeit zugetragen hat.

Im Laufe des ersten Teils der Aufführung sind die Darsteller teils in mehren Rollen zu sehen, mit kurzer oder längerer Verweildauer, je nach Wichtigkeit. Der V-Mann des Verfassungsschutzes Temme (Artur Spannagel), stets mit einem Berg von Papier in den Händen vor sich haltend. Dessen Geduld (weniger die  des Papiers, als seiner selbst) den Zuschauer auf eine Zerreißprobe stellt.

Der Tatort rekonstruiert, den Tatablauf schildernd, die Beharrlichkeit wie Temme seine Augen verleugnet, lässt einen fragen, wieso der Kerl ohne Blindenhund unterwegs ist. (Jene Frage habe ich mir in der Vorstellung verkniffen).

Die Tat selbst nicht mitbekommen zu haben ist nahezu unmöglich. Das Leugnen, Halit Yozgat ermordet am Boden hinter dem Tresen liegend gesehen zu haben, auf dem er zum Bezahlen des Internets eine Münze gelegt hat ist absurd.  Wenn Temme dem Tresen  vermeintlich zu nahe kommt, macht er einen Schritt nach hinten. Das Verschwinden des Mobiltelefon Halit’s schließt sich da nahtlos an.

 

Marius Bistritzky, u.a. als Verteidiger der Angeklagten gibt all seinen verinnerlichten Rollenbildern genau den Ausdruck an Arroganz, den es braucht um beim Zuschauer Unbehagen und Zorn aufzuwühlen.

 

Der Vater Yozgat (Uwe Steinbruch) hat bei seinem verspäteten Eintreten in das Internetcafe am Mordtag seines Sohnes noch mit Abstand und bei geringerer Körpergröße als V-Mann Temme  zwei rote Tropfen auf jenem Tresen gesehen. Unmittelbar darauf dann auch seinen dahinterliegenden  Sohn. Wenn man genau hin schaut, sieht man das beim „Plädoyer“ des Vaters  Yozgat,  die Nebenanklagevertreterin (Rahel Weiss) so ergriffen ist, das Tränen das bezeugen.

 

Die Art und Weise, wie Rahel Weis als Vertreterin des Vaters  anschließend Temme  bei seinem stoischen Vortragen des Textes auflaufen lässt, ein guter Schachzug.

Mit Abreisen des Klebebandes, um den „Fundort“ Halit’s sichtbar zu machen (akustisch genial in Szene gesetzt) unterbricht sie fortwährend die Ausführungen von Temme. Ohne selbst das Wort zu ergreifen, stellt sie Temme’s Worte zumindest in Zweifel, wenn nicht in Abrede.

Zum Ende des ersten Teils, wenn sie den roten Faden aufnimmt (abwickelt) und Temme mit  dem Tisch einwickelt und den „Oberchef“ (Thomas Bockelmann) gleich noch dazu, ist das ziemlich gut.

 

 Auch wenn der Mann vom Bundesverfassungsschutz sich via Feuerzeug der „fadenscheinigen Festnahme“ entzieht. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Aber den Affen machen. So in etwa (ver-) kommt einem das vor.

Ein Teil der Intarsien (Tisch) kurzerhand zum Obelisken aufGERICHTet, wird mit „I was a stranger and you took me in“ dekoriert um kurzerhand wieder ausgewischt zu werden, weil vor Gericht nicht von Belang.

Immer wieder wird  einem vor Augen geführt, das alles seitens der Angeklagten und dessen Vertretern getan wurde, um den Prozess vor dem Oberlandesgericht München als solches der Lächerlichkeit preiszugeben, koste es was es wolle. Wie lange haben seinerzeit die Nürnberger Prozesse gedauert?

 

Im 2.Akt folgt nach 15 minütiger Atempause mit halb heruntergelassenem Overall ein Potpourri an Zeugenaussagen und sonstigem, mehr oder weniger von Belang.

Die  verschieden Prozesstage chronologisch  vorangestellt.

Der Darsteller Stab schmeißt sich im Wechselspiel die Zeugenaussagen nur so um die Ohren. Unterlegt  ist das Ganze mit dem Sound von Paulchen Panther, dessen Kopf das Trimm  Dich Rad   im  Backstagebereich schmückt. Gekrönt alle naselang mit dem Mantra anhaftendem  Sprechgesang: „Stimmen die These des Generalbundesanwalts von einer isolierten Zelle in Zweifel ziehen, werden als „Fliegen Gesumme“ diffamiert.(Mehmet Daimagüler)

 

Im Anschluss wird das Publikum höchstselbst an den „Tatort“, auf die Bühne geführt. Hier werden einem  dann Ausschnitte aus dem  Plädoyer Mehmet Daimagüler’s von den über die Bühne verteilten Darstellern zu Gehör gebracht.

Das Gesamtversagen des Staates, mit Billigen des rechten Terrors, als gehöre der schon zum schlechten Ton dazu.

Als dann kurz vor Schluss das Licht ausgeht und synchron die Maschinerie die Aufzeichnung der Rede Walter Lübkes bei einer Veranstaltung seinerzeit in Lohfelden als Regierungspräsident zu Ohr bringt, wird überdeutlich wie von Unverbesserlichen die Demokratie mit den Füßen getreten wird, alsbald jemand Klartext spricht.

Demokratie ist immer nur so gut, wie seine Mitglieder.Wesentlich die Positionierung! Diese Aufführung hat eindrucksvoll Ausrufezeichen gesetzt und Fragen aufgeworfen. Jene hingegen, die die Antworten in sich tragen sprechen, wenn überhaupt mit „gespaltener Zunge“.

Weil ?

Des weiteren on stage u.a. als Polizist Hagen Bähr und in der Statisterie Simon Rubisch.

Probenfotos Marina Sturm

Das Kontingent an Karten ist ja im TIF sehr  begrenzt, deswegen rechtzeitig Karten besorgen. Ansonsten darauf warten, das es bei einem Parteitag der AFD unter Polizeischutz evtl. in der Stadthalle aufgeführt wird!

 

Nächste Vorstellungen Samstag 21. + Freitag 27. September jeweils um 19:30

PETER BRAUER


 

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