Wie der Untergang der Heeresgruppe KURLAND 1945 für Millionen zur Hoffnung wurde

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Am 9.Mai 1945 ging auch für die Heeresgruppe Kurland der Krieg zu Ende. Als Kessel mit dem Rücken zur Ostsee, in sechs blutigen Schlachten ungeschlagen und weit hinter der Front angeschnitten legten um 00:00 Uhr 42 Generale, 8038 Offiziere, 181.032 Unteroffiziere und Mannschaften sowie 14.000 lettische Freiwillige die Waffen nieder.
Die Kriegsmarine evakuierte noch am letzten Tag  25.700 Mann, zumeist Zivilisten, Verwundete und Familienväter mit mehr als drei Kindern gen Westen. Mit allem, was schwamm und notfalls noch (irgendwie) geschleppt werden konnte.

Die Kapitulation der deutschen Afrika-Armee oder gar der 6. Armee in Stalingrad kennt jeder. Sie sind Meilensteine dessen, was Krieg als sinnlos gelten lässt. Weit entfernt von der Heimat standen deutsche Soldaten auf verlorenem Posten. Das war in Kurland aber anders. Hier standen Soldaten sehr wohl auf eigenem Gebiet und verteidigten mit ihren Verbündeten einen Landstrich, den einst der Deutsche Orden und dann die Hanse dem westlichen Europa öffneten.

Und man sollte nicht vergessen, dass dort die Stärke der heutigen gesamten Bundeswehr bis zum letzten Tag kämpfend kapituliert hat. Und – ebenso wie die Stalingrad-Soldaten – mit überwiegender Masse nicht aus der Gefangenschaft zurückkehrten. Doch anders als bei der Stalingradarmee, die mit knapp 90.000 in Gefangenschaft geriet und von denen 6.000 zurückkehrten, gibt es zu Kurland noch nicht einmal mehr Zahlen…
Siegreiche und ungeschlagene deutsche Verbände hatten es in der Gefangenschaft ungleich schwerer sie zu überleben. „Wehe dem Besiegten“, wie die Römer schon sagten.

Das soll kein Lobgesang auf vergangene Heldentaten werden, denn Angriffskriege bleiben am Ende immer angefangene Kriege, aber es soll zeigen, was wir verloren haben. An Geist, Mut und Standhaftigkeit mit seinem Leben für das einzutreten, was uns einst einmal wichtig war.
Es mag daran liegen, dass die allermeisten damals schon bis auf ihre Familien oder auch nur Teilen davon (!)alles verloren hatten und daher bereiter waren das Letzte mit allem noch Möglichen zu verteidigen als wir es heute gemeinhin sind.

Eine ostpreußische alte Flüchtlingsfrau beschrieb das Glück auf Erden damals so:
„Ein trockenes Dach über dem Kopf, eine warme Decke und eine Schale heiße Suppe…“

Für diese Menschen kämpfte die Heeresgruppe Kurland mit der See im Rücken um jeden Meter Boden. Nur mäßig versorgt und immer einen vielfach überlegenen Gegner vor Augen, der überall sonst auf dem Vormarsch war.
Auch für ihre lettischen Verbündeten, denen das umkämpfte Gebiet ihr Vaterland war. Diese lettischen Einheiten wurden vor der Kapitulation aus der Front herausgelöst und in einem feierlichen Appell aus ihrem dem Deutschen Reich gegebenen Eid formell entlassen. Damit betraf die deutsche Kapitulation sie nicht mehr und es war ihnen freigestellt weiterzukämpfen, was nicht wenige taten. Als sog. „Waldwölfe“ kämpften sie noch bis Mitte der 60er in den Wäldern verborgen gegen die UdSSR-Besatzer aufopferungsvoll weiter. Auch das ist heute fast vergessen.

Doch für die Deutschen aus Ostpreußen war der monatelange hinhaltende und kräftebindende Kampf der Heeresgruppe die Grundlage dessen, was als größte Evakuierungsaktion in der menschlichen Kriegsgeschichte eingehen sollte. Der Abtransport von fast 1,5 Millionen Menschen über die Ostsee gen Westen.
Das Schicksal der Passagierschiffe „Wilhelm Gustloff“ und  „Robert Ley“ sind die größten Schiffskatastrophen der Welt. Auf jedem Schiff starben allein bis zu 10.000 Menschen. Aus heutiger Sicht würde schon das weltweit Schlagzeilen machen. So aber, wurden sie vergessen. Sie gingen wie die Menschen an Bord im Strom der Zeit unter.

So sind auch die drei Tage von Königsberg vergessen. Drei Tage, wo ähnlich in Magdeburg im 30jährigen Krieg eine komplette Großstadt zum Plündern, Brandschatzen, Rauben, Schänden und Morden freigegeben wurde. Das war seit Magdeburg vorher nie wieder passiert in Europa. In keinem Krieg. Durch keine Armee. Durch keine Nation.
Vergessen. Auch verschwiegen. Oder zumindest nicht … publiziert. Aber heute dann gern als etwas begründet, was das NS-Regime heraufbeschworen hat. Was es „rechtfertigt“…
Auch das ist Teil dessen, was Kurland ausmacht. Geschichtlich, wie auch menschlich. Moralisch.

Denn mit den durch die linke stalinistische Propaganda unter dem Demagogen Eisenstein beginnenden Gräueltaten im Osten wuchs der Widerstandswille derer, die in den Kurlandschlachten kämpften. Ins Unermessliche.
Ähnlich der Roten Armee, die 1941 um ihre Heimat kämpfte verteidigten deutsche Einheiten und Verbände, selbst Versprengte nun um jeden Hof, jede Kreuzung und jede Brücke. Hielten sie offen. Für Flüchtlinge und Verfolgte. Taten das, was die Rote Armee ein paar Jahre vorher auch erfolglos versuchte. Oft bis zum letzten Mann.

Unzählige Nachkriegskarrieren, von Überlebenden oder deren Kindern, basierten auf dem Opferwillen derer, die mit Kurland vergessen wurden. Sogar den Landstrich Kurland müssen viele erst auf der Karte suchen. Wissen gar nicht, dass es von Lübeck, Visby und Rostock aus besiedelt wurden. Sine Architektur allein schon der der alten Hansestädten entspricht. Es wenn auch ländliche aber blühende Landstriche waren.

Kurland war ein Fanal. Es ging nicht unter. Es widerstand. Und gerade deshalb ging es mit dem 9. Mai insgesamt unter. Mit all den anderen Einheiten in Europa, die auch unbesiegt waren, weil abgeschnitten, weit abliegend oder schlicht militärisch uninteressant waren. All das trifft auf Kurland nicht zu. Es legte die Waffen im Felde unbesiegt nieder…Aber das war dann ab dem 10. Mai schlichtweg uninteressant. Man hatte andere Probleme. – Bis heute.

Die Rote Armee wollte die Heeresgruppe besiegen. Sie band enorme Kräfte, die für den Vormarsch auf Berlin nötig gewesen wären. Eine deutsche Armee, die den Vormarsch mehrmals verzögert hat. Den US-Truppen letztlich (auch) die Zeit erkauft hat bis zur Elbe vorstoßen zu können. Stalin politisch unter Zeitdruck gesetzt hat Berlin überhaupt vor den US-Truppen zu erreichen. Den wahnsinnigen Sturm auf die Seelow‘er Höhen forciert und dann nach Berlin hinein geführt hat. Die Nachkriegsgeschichte so zu prägen, wie sie dann war und aus Stalins Sicht sein sollte. Zumindest fast, denn er hatte bis auf Berlin vom Reich nur ländliche Gebiete erobert, während die Amerikaner im Harz und Thüringen die Hochtechnologie des Reiches an Düsentriebwerken, Flugzeugen und Raketen wegschafften und die Briten im Norden die moderne Seekriegstechnologie erbeuteten.

Eine frühe Niederlage in Kurland hätte all das anders aussehen lassen. Vielleicht eine Rote Armee bis zum Teutoburger Wald und in die norddeutsche Tiefebene samt Hamburg gebracht. Das kann keiner sagen. So aber wurden knapp 1,5 Millionen Soldaten über die sechs Kurlandschlachten bis zum Schluss gebunden.
Fast fünfzehn(!) Millionen Deutsche dem Vormarsch der Roten Armee und einer weiteren diesmal linken Diktatur für weiter vier Jahrzehnte entrissen. Einer Diktatur, die bis dato unsere östlichen Bundesländer im Bewusstsein prägt. Sie 1989/90 zur Revolution bewegt hat.

All das hat diese Armee erreicht. Mit Opferwillen, Leidensfähigkeit und der Liebe zu etwas, was heute verspottet wird, aber überall sonst weltweit als Wert gilt: der Heimat.
Erst wenn sie weg ist, erkennt der Mensch ihren Wert. Einen Wert, dem die sog. Vertriebenenverbände noch bis in die 80er hinein nachgetrauert haben.
Dem auch einige Protagonisten unserer heutigen Politik nachtrauern werden, wenn sie nicht bald mal die Augen aufmachen.

 

Das Andenken derer, die sich opferten zu ehren, mag aus heutiger allein deutscher Sicht umstritten und sie zu vergessen der Bildungspolitik geschuldet sein, aber ihr Erbe zu verspielen ist verwerflich wenn nicht gar schandhaft. Für uns, Europa und all die, die hier weiter frei, sicher und friedlich leben wollen.


LINKS:
https://de.wikipedia.org/wiki/Heeresgruppe_Kurland
https://de.wikipedia.org/wiki/Kurland-Kessel


 

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