Der Verteidigungsminister oder „wie der Teufel in der Not Fliegen frisst“… (fressen muss).

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Wer Frieden will, muss sich auf den Krieg vorbereiten“, so eine alte Weisheit, die in ihrer Logik von vielen nicht nachvollzogen werden kann aber die sich historisch bewahrheitet hat. Friedliebende Nationen ohne ausreichende Verteidigung wurden stets geschluckt. Nicht weil sie aggressiv waren, das waren die anderen, sondern weil sie ihre Sicht der Dinge nicht verteidigen konnten – außer mit schönen Worten und blumigen Reden. Letztlich also – gegenüber den Schurken – nicht mit ausreichenden Mitteln.

Dass unsere Bundeswehr und mit ihr das Bundesministerium für Verteidigung im Nachkriegsdeutschland eine schwierige Geburt war, ist unserer „expansiven Sicherheitspolitik“ zu verdanken. Die Altlasten von 1933-45 wogen schwer. Zeigten aber auch sehr schön auf, wie eine unzureichende Verteidigung schnell zur Opferrolle unserer europäischen Nachbarn führte.

Zusammen mit den westlichen Verbündeten versuchte die Bundesregierung unter Konrad Adenauer so im Kalten Krieg der eigenen Opferrolle zu entkommen. Beugte vor. 495.000 Mann und 180.000 Zivilbeschäftigte standen bereit und wären im Verteidigungsfall durch ausgebildete Reservisten auf 1,2 Millionen Mann aufgestockt worden. Allein die Bundeswehr hatte über 6.000 Kampfpanzer auf dem Hof stehen. Ein Hof, der aus heutiger Sicht überquoll vor Gerät, dass jährlich auf seine unbedingte Einsatzbereitschaft getestet wurde.

Nach der Wende erreichte die Bundeswehr zuzüglich der NVA der vergangenen DDR 670.000 Mann, deren Umfang Bundeskanzler Helmut Kohl am Verhandlungstisch bei den 2+4-Verhandlungen auf knapp 400.000 Mann halten konnte.

 

Inzwischen wurde 2011 die Wehrpflicht aufgegeben und die Bundeswehr umfasst mit Stand vom 16.07.2019 noch 53.050 Berufs- und 120.326 Zeitsoldaten (Gesamt: 173.376) sowie 8.001 Freiwillig Wehrdienstleistende. Die Abteilung BMVg P I 3 stellt hier fast schon tagesaktuell Informationen auf der eigenen Bw-Homepage zur Verfügung.

Damit hat die Bundeswehr als Organisation die Größe der Bundesbahn, von Siemens oder anderen Größen der Wirtschaft. Nur anders als diese Unternehmen wird das Kerngeschäft nicht in Euro und Cent bilanziert oder auch nur bewertet. Der „Wert“ der Bundeswehr bemißt sich allein an zwei Dingen: 1. Konnten Aggressoren abgeschreckt werden und 2. ist die Truppe umfänglich einsatzbereit.

An der ersten Frage wirken viele mit. Die komplette Regierung, die Verbündeten, die NATO und auch die EU sowie die UNO. Also ist die Frage eher schwammig zu beantworten. Die zweite Bedingung allerdings ist eindeutiger zu verifizieren. Und hier braucht es keinerlei weiterer Beweisführung, dass es nicht so ist. Die Einsatzbereitschaft ist weder materiell noch personell vorhanden. Punkt! Traurige Beispiele gibt es genug. Beispiele, die jedes normale Unternehmen, das sich so in seinem Kerngeschäft aufstellt, in die unverzügliche Pleite treiben würde. Stellen wir uns vor, dass nur 75% der Fließbänder bei Daimler oder VW im Durchschnitt laufen würden. Ausgelieferte Autos nur zu 86% alle vier Räder hätten…

Es stellt sich dem Bürger die Frage, was er da mit aktuell 43,2 Milliarden Verteidigungs-Etat jährlich finanziert. Und natürlich, warum der ministerielle Amtsinhaber als politische Kontrolle und „Inhaber der höchsten Befehls- und Kommandogewalt“ so… schlecht abschneidet. Jede Aktionärsversammlung hätte so einen COO für seinen Bereich und solch einer Leistung in die lebenslange Bedeutungs- und Arbeitslosigkeit gefeuert.

Es ist nun leider auch nicht so, dass der Posten des Bundesverteidigungsministers sonderlich beliebt ist. Geschichtlich hat sich hier bis auf wenige Ausnahmen gezeigt, dass die Amtsinhaber eher auf dem Schleudersitz saßen. Egal, ob kriegserfahren und fachkompetent, oder … weiblich und völlig ungedient.

Der Bürger hat oft ein falsches Bild von dem, wie die Bundeswehr arbeitet. Eigentlich muss man vier verschiedene „Gestaltungselemente“ für jede einzelne Entscheidung betrachten, die hier auch von völlig unterschiedlichen Grundhaltungen beeinflusst werden: politische Führung, Wehrverwaltung, Truppe und neuerdings auch ausgegliederte Service-Unternehmen in Bundeswehrbesitz. Eigentlich, und das hat die gerade nach Brüssel abgewanderte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen als neues und fünftes Gestaltungsinstrument zusätzlich und umfänglich hinzugefügt, sind auch noch die Berater im Spiel. Wenn auch nicht ohne Grund.

Die Politische Führung

Diese ist an sich an nichts gebunden, kann schalten und walten und gibt die Richtung vor, in der sich die Bundeswehr bewegt. Die parlamentarische Kontrolle erfolgt über Staatssekretär und Verteidigungsausschuss, der als einziger Ausschuss im Bundestag sich selbst beauftragen kann. Die Einhaltung der Spielregeln wird zudem vom Wehrbeauftragten überwacht, der Eingaben (Beschwerden) von Soldaten hinsichtlich Relevanz und Impact evaluiert und jährlich als Gesamtbericht vorstellt. Der Minister unterliegt hier natürlich dem Regierungswillen derer, die die Regierung stellen. Dieser Wille ist in einem Koalitionsvertrag verbindlich geregelt, was Überraschungen jeder Art durch Alleingänge ausschließt. Der Haushalt ist als Gesetz verabschiedet und daher nicht beliebig ohne zusätzliche Abstimmung gestaltbar. Letztlich ist der Etat dann auch die Stellgröße für alles, was machbar sein wird – ist! Daher ist der Minister eher mit der Überwachung und Gestaltung des Tagesgeschäfts ausgelastet. Ihm obliegt dafür zu sorgen, dass die Bundeswehr funktioniert, nicht zuletzt auch darin begründet, dass er die höchste Befehls- und Kommandogewalt hat. Ergo der Manager auf C-Level ist. Hier wäre natürlich Fachwissen und nützliche Expertise des Wirkungsfeldes wünschenswert. Es gibt Nationen, die hier gern ehemalige hochrangige Soldaten für den Job nehmen. Andere lehnen das mit dem Verweis auf eher politische Elemente der Aufgabe ab. Hier aber eine außerordentliche Steuerfunktion zu sehen, mit Gestaltungsspielraum, Platz für neue Ideen und Strategien oder gar die Möglichkeit „zum goldenen Wurf“ zu unterstellen, ist schlicht falsch. Mitunter scheitert man auch daran, dass man keinen wirklich rauswerfen kann, da alle Top-Player verbeamtet sind…

Die Truppe

Das Schreckgespenst des linken Flügels im Parlament. Argwöhnisch beäugt, gern auch mal generell eines „Haltungsproblems“ beschuldigt und überall da gern gesehen, wo man als „bewaffnetes technisches Hilfswerk“ für ein nettes Deutschlandbild sorgen soll. So sieht es der Bürger fast schon zynisch. Dazu überkandidelt mit Pöstchen durchsetzt. Wo bei einer halben Million Mann unter Waffen 249 Generäle und Admiräle als Führungs-Korps reichten, kommen wir heute mit 221 bei noch nicht mal halber Mann-Stärke aus. Natürlich gibt es dann auch unterstellte Bereiche, die pro General so und so viele Obristen, andere Stabsoffiziere und Offiziere beinhalten müssen, denen jeweils wieder exakt definierte weitere Dienstposten untergeordnet sind. Viele sehen darin ein Anzeichen, dass das BMVg nach wie vor von Generälen und Soldaten regiert wird, die ihre Minister bestenfalls dulden und nett grüßen. Dass jede Reform an der Generalität scheitert, die sich hier nette Pöstchen geschaffen haben. Neuerdings nicht mehr durch zu kommandierende Truppenstärke definiert und auch ein Stück begründend, sondern teilweise allein durch die gewachsenen Aufgaben(?), die diese Dienstgradhöhe bedingen. Auch im internationalen Vergleich, um auf Augenhöhe zu bleiben… Tatsache ist, dass die Generalität, als ranghöchste Soldaten, ein anderes Augenmerk auf das haben, was die Truppe ist, können soll und wie man das womit erreicht. Sie haben eine Fürsorgepflicht, die für sie gelebte Realität ist und nicht verwaltungstechnischer Anspruch oder bloßes Lippenbekenntnis. Nach dem Krieg reichte ein einziger Blick auf die Ordensspange um zu wissen, in welcher Liga der Amtsinhaber gespielt hat(te). An der Ostfront gekämpft zu haben war der eigentliche Ritterschlag dessen, was soldatische Pflichterfüllung können musste. Die Ostfront des Krieges war der Grad, an dem ALLES andere gemessen wurde. Deren Fehler in Bewaffnung und Logistik durch Einsatz ausgemerzt wurden. Und da der Warschauer Pakt weiterhin mit ehemals UdSSR-affinen Taktiken als reale Bedrohung vor der Tür stand, wurde wirklich alles getan, damit man gegen diesen Gegner gut aufgestellt war. Und so wurde auch die Bundeswehr geprägt: gegen eine deutliche Übermacht bestehen zu können. Der letzte kriegsgediente General verließ Anfang der 80er die Truppe, aber der Geist blieb weiter bestehen. Und wer gegen eine Übermacht kämpfen will, der braucht das beste Material und das beste verfügbare Personal mit ausreichender logistischer Nachversorgung. Dieser Ansatz ist nicht falsch, denn der Soldat „vorn im Dreck“ hat Anspruch darauf, nicht mit unzureichenden Mitteln ausgestattet als Kanonenfutter zu enden. Und das steht heute im Gegensatz zu dem, was man als Nation bereit ist der Truppe an Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Als Politiker findet man hier also kaum Freunde.

Die Wehrverwaltung

Sie wacht mit Argusaugen über die Budgets, der ordnungsgemäßen Verwendung der Gelder und deren Verwaltung/Nachverfolgung an sich. Damit unterscheidet sie sich in keinster Weise von anderen Verwaltungen. Von der damit zwangsläufig einhergehenden Bürokratie und ihrer Abstimmung via Ober- und Unterbehörden bis zur reinen Aufgabenwahrnehmung. Und das unter der Maßgabe, die Bundeswehr in ihrer originären Aufgabe unterstützen zu wollen. Dies immer und überall. Ohne Abstriche! Nur hat auch hier die Nachwendezeit Spuren hinterlassen. Mit der Einführung der IT und jahrelangen Sparmaßnahmen wurde die Verwaltung ausgedünnt, stringent und allein auf die Bedürfnisse der Truppe zugeschnittene Verwaltungsvorgänge gerieten in … andere Prioritäten. Früher durch die Bundeswehr selbst bediente Dienstleistungen (IT, Instandsetzung, Fuhrpark,…) wurden an ausgegliederte und der Bundeswehr gehörende Industrieunternehmen abgegeben, die zivilwirtschaftlich effektiver arbeiten sollten. Hier kam eine neue, bis dahin nicht gekannte Dimension ins Spiel, deren verwaltungstechnische Einbeziehung der Verwaltung bei schwindenden Ressourcen zusätzlich abverlangt wurde. Und die oft mit der originären Identität der Verwaltung, als Teil der Truppe(!), kaum mehr zu vereinbaren war. Je höher die in der Bundeswehr um sich greifende Komplexität in Planung, Organisation und Steuerung wurde, desto komplexer wurde auch die zugehörige Verwaltung. Bis hin zu dem Grad, wo eine aufgabenbezogene Verwaltung und eine einsatzorientierte Truppe nun unterschiedliche Interessen vertraten, die durch fehlende, fehlerhafte oder einfach nur ungenügende politische Vorgaben nicht unwesentlich verschuldet wurden. Gern auch in (gravierenden) Reformen mündeten, die in laufende Reformen eingesteuert und zum Teil ad hoc realisiert werden mussten. Meist auf Einsparungen basierend, die am Bedarf der Truppe vorbeigingen. Und da hier Mittelzuweisung (durch die Verwaltung kontrolliert) und Mittelbedarf (durch die Truppe benötigt) immer weiter (politisch ignoriert) auseinander klafften, bildete sich auch zunehmend ein Riss auf Arbeitsebene im Ministerium: Verwaltung vs. Truppe

Bundeswehreigene Unternehmen

Die Bundeswehr hat auf Anraten von zivilen Beratern (u.a. Roland Berger) Ende der 90er Jahre damit begonnen, originär eigene Leistungen der Truppe auszugliedern und zivil in eigenen Unternehmen vorzuhalten. Damit sollte die Truppe rationalisiert und auf das „Kerngeschäft“ fokussiert werden. Auch sollten durch zivile Kunden Wachstumspotentiale, Synergien und Mengendegressionseffekte gehoben werden, was Kosten einsparen sollte. So die Theorie damals. Dass diese Unternehmen bis dato zum Teil keine anderen Kunden haben als die Bundeswehr sei hier nur mal erwähnt. Dass bei vielen schon mehrmals die Insolvenz anstand, die die Bundeswehr kurzfristig refinanzieren musste, auch. Dass der Bundeswehr bis zum heutigen Tag kein einziges Telefon, kein Rechner und keine Leitung selbst gehört mag überraschen, ist aber Realität. Alles ist explizit vertraglich geregelt, das Procedere klar definiert und dann auch bepreist. Ergo führt jede Änderung von was auch immer sofort zu diversen Vertragsanpassungen und Neubeauftragungen, die mitunter dann auch Zeit brauchen. Dass das dem „Kerngeschäft der Bundeswehr“ nicht gerade die Flexibilität gebracht hat, die damals beabsichtigt war, ist folgerichtig. Andererseits wurde bei dieser Ausgliederung von Leistungsbereichen der Bundeswehr auch keine einzige der damals von der Truppe und Verwaltung gemeinsam aufgeführten Prämissen umgesetzt. KEINE!

(Der Lösung letztes Übel:) Berater…

Dass in einer derart verfahrenen Situation neue Ideen nur von außen kommen können, als „Neuer Besen“ oder „Frische Luft“ gelobt, ist klar. Auch der zunehmend wachsenden Spannung zwischen Truppe und Verwaltung geschuldet, die aber beide gern die Ursache allen Übels in der zögernden Politik und den ausgegliederten Bereichen sahen. Hier mit aus der Umstrukturierung erfahrenen Beratern einzugreifen bot sich an. Zumal externe Berater auch als Blitzableiter fungieren und dann als Moderator auftreten können. Sich als Staatssekretär auch eine erfahrene Unternehmensberaterin ins Haus zu holen, die das koordiniert und das sog. „Projektmanagement“ der Bundeswehr neu aufbaut, war folgerichtig. Dass das alles nicht über ein oder zwei Jahre besser wird, hatte Frau Dr. Suder auch immer wieder – völlig richtig und angemessen – betont. Auch die Zeitachse von fast zehn Jahren, die sie vorgab, war situationsgerecht. Dass diese Beraterpolitik aber zunehmend zum Selbstläufer wurde, die alle Anzeichen eines systemimmanenten Problems an sich annahm, ohne dass die Lage der Bundeswehr besser wurde, war nicht geplant. Wohl auch von keinem gewollt. Durch die personelle Unterdeckung in Funktionsbereichen der Bundeswehr und der dabei liegenbleibenden Arbeit, sprangen Berater ein. Teilweise ohne noch als Berater zu firmieren, mit originären Bw-Accounts kommunizierend und selbst von Bw-Angehörigen nicht mehr zu unterscheiden. Das hier eine Linie überschritten wurde ist klar. Dass sich ein General Bühler in Mails dazu herablässt die Verwaltung darum zu bitten eine Beauftragung vorzunehmen, damit die Angestellten des Beratungsunternehmens nicht freigestellt werden, zeigt aber eine neue Dimension auf, die mit originärer soldatischer Fürsorge gar nichts mehr gemein hat…

Somit ist klar, dass mit dem Wegfallen von den für den umfassenden Betrieb der Bundeswehr nötigen Mittel, den daraus folgenden Umgliederungen, Neuorganisationen und Prozessverschiebungen – zum Teil auch ad hoc und allein durch sofort umzusetzende Sparmaßnahmen initialisiert – die Bundeswehr in einen rollierenden Dauerplanungszustand gefallen ist, der auf allen Ebenen und in allen Bereichen zunehmend Mittel und Personal bindet. Zum Teil zyklische (Abstimmungs-)Prozesse – gern auch als Mitzeichnungspflicht bezeichnet – auch unter Einbeziehung von zivilen Vertragspartnern als Dienstleister und unter Beteiligung von Beratern haben zu sichtbaren Verwerfungen geführt. Deren augenscheinlichste Folge sind sich hinschleppende Beschaffungsvorhaben mit zum Teil über zehnjährigen Verzögerungen(!) und falscher Beauftragung von Instandsetzungsvorhaben (z.B.: Gorch Fock). Das allein einem Minister zuzuschreiben ist falsch. Auch andere Minister, kriegsgedient und mit dem Bewusstsein, was falsche oder mangelhafte Ausrüstung für den Mann ganz vorn bedeutet, haben hier Federn lassen müssen. Der Starfighter ist so ein Beispiel. Dass aber eine Ministerin, bei all den rein politisch initiierten und damit zu verantwortenden Reibereien, dann der zunehmend hadernden Truppe „Haltungsprobleme“ unterstellt, auch noch unbegründet und unentschuldigt(!), wiegt schwer. Das Unverständnis zu dem, was eine Armee ausmacht, ist wahrlich kein integraler Bestandteil dessen, was zur Aufgabe qualifiziert (siehe auch: https://conplore.com/joint-future-work-und-bundeswehr-teil-1-die-folgen-des-unverstaendnisses-der-eigenen-ci/).

Dass nun auch mit dem Wegfall der Wehrpflicht, allein aus populistischen Gründen und ohne Zwang ausgelöst, sich das Personalproblem der Bundeswehr im demographischen Wandel nachhaltiger vollzieht als gedacht, wird offensichtlich. 8000 Freiwillig Wehrdienstleistende sind nicht der Pool, aus dem eine Armee dauerhaft zehren kann. Die Freiwilligen für längere Verpflichtungszeiten sind rar gesät und werden auch von der Industrie heiß umworben. Hier nun Zugeständnisse (nette Stuben, WLAN, …) zu machen ist folgerichtig und der Zeit geschuldet. Abstriche an der allgemeinen Qualifikation (körperliche Fitness) oder Charakter (Extremisten) zu machen aber falsch. – Andererseits „frisst der Teufel in der Not auch Fliegen…“ Dazu kommt wiederum ein hausgemachtes Problem, dass politisch ignoriert und daher gesellschaftlich recht fixiert ist: die Bundeswehr ist als Arbeitgeber zunehmend in die „Mad Dog“ Position gedrückt worden. Das hat vielerlei Gründe, die anderswo (HIER) zu lesen sind. Gerade in der Demographie wird dieser Umstand zunehmend zur Personalfalle werden. Ein Umstand, vor dem vor der Aussetzung der Wehrpflicht intern gewarnt, der aber politisch ignoriert wurde.

Dass ein Minister hier immer und umfänglich Mittel bereitstellen muss, um gut zu sein, ist falsch. Natürlich obliegt die Höhe des Bundeswehretats dem Parlament. Die Höhe der Mittel muss ausreichen für das, wofür die Bundeswehr eingesetzt werden soll. In reinen Friedenszeiten – im Friedensbetrieb – kann man da sparen. Sollte aber so viel Mittel zuweisen, dass die Armee ihre Kernfähigkeiten behält und (ggf. auch mit zeitlichen Vorlauf) einsatzbereit ist. Das ist weit weg von dem, was eine stehende Armee auszeichnen sollte, ist aber bis zu einem gewissen Punkt machbar. Wie man aktuell sieht, ist dieser Punkt nun deutlichst überschritten. Auf eine Armee, die zudem andauernd und seit über zwanzig Jahren auf mehreren Krisenherden gleichzeitig weltweit eingesetzt wurde, trifft dieses Budgetverständnis nicht mehr zu. Dieses Budgetverständnis einzufordern – ggf. auch mit persönlichen Konsequenzen – ist eine politische Aufgabe des Ministers. Für all die, die man im Namen des Parlaments irgendwo hin schickt, wo sie vielleicht auch mal zu Schaden kommen. Und eine Armee, die im sich verschlechternden globalen Sicherheitsumfeld ständig unterfinanziert ist, ist letztlich das, was ein Land zum Opfer macht. Es erpressbar macht. Es auch von Verbündeten angreifbar macht, wie Trump es jetzt zu Recht tut. Das organisatorische und prozessuale Chaos in der Bundeswehr, die operationelle Schieflage und das planerische Projektmanagement kann durch die politische Führung des BMVg nur sehr begrenzt gestaltet werden. Hier haben sich durch die Fokussierung auf die Dauerreform auch Karrieren und Seilschaften gebildet, die oft ans opportunistische jenseits dessen reichen, was mal soldatische oder verwaltungstechnische Tugend waren. Hier etwas bewirken zu wollen bedarf eines glaubhaften Einschnitts, den die Wirtschaft als Rausschmiss definiert und kennt. Mit all den unerfreulichen Folgen für diejenigen Beamten/Soldaten, die dann aber eben auch mal politisch gewollt sein müssen. Und DAS wäre dann wieder eine Ministeraufgabe. Eben mal nicht Fünf gerade sein zu lassen. Mal das Seil loszulassen, das die Seilschaft einem so nett reicht…

Von der Leyen hat versucht, das in einem engen Kreis zu lösen und sich fehlende Expertise von außen zu holen. Das war kontraproduktiv, wie sich jetzt zeigt. Auch Berater können sich verselbstständigen, wenn man sie lässt. Wie Soldaten und Beamte auch. Oder ausgegliederte Unternehmen. Ohne die glaubwürdige Wende in dem, was ein Minister als politisch Verantwortlicher wirklich kann, soll und darf, wird das Bundeswehrproblem nicht lösbar sein. Und diese Glaubwürdigkeit verlangt Integrität, Sachverstand aber auch – Charakter. Gepaart mit der notwendigen Fürsorge aber auch Härte für das, was geleistet werden muss. Auch für oder gegen die, die es leisten sollen. Macher umgibt sich gern mit Nein-Sagern, da sie Gegenargumente als Gradmesser für ihre Überlegungen, Ideen und Herangehensweisen sehen. Politiker nehmen gern JA-Sager, weil sie so schön bequem sind.

Ein Verteidigungsminister hat es nicht leicht, da ihm das NEIN schon ab dem Haupttor zum Ministerium entgegenschallt. Er hat aber die politische Verantwortung bei diesem NEIN zu differenzieren zwischen denen, die bequem leben wollen und denen, die Sachargumente haben. Beim Aufbau der Bundeswehr kam dieses Nein in der Tat von dem kriegsgedienten Offizierskorps. Das war für Minister unschön, führte aber in den 80er Jahren bei gegebenen Mitteln zur modernsten Armee im Bündnis. Das Handeln und der vorgetragene Widerspruch lag klar im Fokus dessen, was eine Armee für den Einsatz zur Landesverteidigung gegen eine Übermacht braucht.

Heute ist diese Armee eher eine „Eierlegende Wollmilchsau“, der man ständig das Futter kürzt, in maroden Stallungen abstellt und gern global in Arenen schickt, wo der andalusische Stier zu Hause ist und mit Tigern, Löwen und Wölfen ringt.

Und irgendwo dazwischen sollte die politische Verantwortung eines Ministers die Bundeswehr hinführen sollen. Und das Parlament. Und die Gesellschaft. Oder er/sie/divers lernt endlich wirklich Fliegen zu fressen und damit glücklich aber angreifbar zu sein.

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.


Fotoquelle: Yusuf Simsek: „Zeitenwende“ http://simsek.ch/.

 

 


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