Wie Napoleon durch einen Vulkanausbruch Waterloo verlor…

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Manchmal haben kleine Dinge, auch weit entfernte Dinge, dann eine große Wirkung auf das, was wir Geschichte nennen. Oder gar Geschichte ausmacht. So auch der Ausbruch des Vulkans Tambora (https://de.wikipedia.org/wiki/Tambora ) am 05. April 1815 auf der anderen Seite unserer Erde.

Der stärkste Vulkanausbruch der letzten 25.000 Jahre schleuderte 140 Milliarden Tonnen in die Atmosphäre, reduzierte die Höhe der Insel von einstmals 4300m auf heute 2850m und bescherte der Menschheit 1815 das „Jahr ohne Sommer“. Und ganz nebenbei auch das Ende von Napoleon und seinen Ambitionen…
Neben den dann 1816 zu beklagenden Hungersnöten und Überschwemmungen waren es auch die Mitte 1815 einsetzenden Regenfälle, die für Napoleon alles andere als glücklich endeten. Die Asche des Tambora hatte sich in den Jetstreams global verteilt und nun für überdurchschnittlich viel und andauernden Regen gesorgt.
Das hatte starken Einfluss auf die Kriegführung der damaligen Zeit. Nicht nur, dass Vorderlader kaum mit nassem Schießpulver zu laden waren, sondern vor allem die Verkehrsinfrastruktur litt unter dem Regen.

Das Wege- und Straßennetz der damaligen Zeit war nicht asphaltiert. Und wenn Heere von mehreren zehntausende Mann samt Artillerie, Tross und Pferden ins Feld zogen, dann blieb von den Straßen oft nicht mehr viel übrig. Und das selbst an trockenen Tagen. Wie so etwas bei Regen aussieht kann jeder bildhaft in alten Wochenschauen sehen wo sich die Wehrmacht durch den Matsch der russischen Steppe quälte. Der Boden wurde durch den Verkehr quasi zu einem knietiefen Brei, der jede Bewegung erschwerte und so alles verlangsamte.

Letzteres ist ein Aspekt, der klar zu Ungunsten Napoleons ging. Denn Geschwindigkeit war ein wesentliches Element dessen, was sein Genie ausmachte. Ihn hat Schlachten gewinnen lassen. Wie Austerlitz 1805, wo er seine Gegner durch die Marschleistung seiner Armee düpierte, überflügelte und dann aufrieb.


Was machte das französische Revolutionsheer so erfolgreich? Auf was basierte Napoleons Militärmacht eigentlich?

Zunächst war es ein Revolutionsheer, wo erstmalig Bürger für sich selbst kämpften. Für ihre Freiheit und ihre Republik. Sie waren also hoch motiviert, begeistert und Napoleon absolut treu ergeben, den sie als einen der ihren ansahen.

Auf der Gegenseite standen professionelle Heere, zum Teil aus Söldnern und gepressten Soldaten, die durch eine brutale und eiserne Disziplin bei „der Stange gehalten“ wurden. Und diese Stange war wörtlich zu sehen. Hinter der Linie standen Unteroffiziere mit Spießen, um Flüchtende aufzuhalten.
Das französische Heer versorgte sich nicht aus dem Feld heraus, durch Plünderertrupps und durch „Requirierung“. Es wurde aus einer zentral aufgebauten Logistik heraus mit Depotstützpunkten heraus versorgt. Vorrückende Heere wurden zum Teil durch rechtzeitige Beauftragung von Händlern und Fabrikanten entlang der Marschrouten versorgt und nachgerüstet. So auch mit zigtausenden von Stiefelpaaren, die Napoleon vor Inmarschsetzung seines Heeres nach Austerlitz in Strassburg, Ulm und Augsburg beauftragte. Seine Soldaten so marschfähig hielt…All das erhöhte das Marschtempo der Armee.

Das Revolutionsheer bestand aus Freiwilligen, die aber weder die Ausbildung noch die Disziplin hatten, um Liniengefechte aus unter fünfzig Meter Distanz bei Austausch von Salven durchzustehen. Der dazu notwendige schon fast unmenschliche Drill war hier nicht zu vermitteln.

Daher wurden die Soldaten in sog. Kolonnen (großen Rechtecken) formiert und en Masse in die Schlacht geworfen. Sie sollten das gegnerische Musketenfeuer durch die Masse an Menschen aufsaugen und so die gegnerische Linie durchbrechen und aufrollen. Das Blutopfer dieser Taktik war enorm, führte aber stets zum Sieg, solange es dem Rest der Armee gelang den Gegner am Verstärken des bedrohten Abschnitts zu hindern. Zum Teil durch bloße Anwesenheit oder Scheinangriffe weiterer Kolonnen.
Napoleon war Artillerist und perfektionierte das Feldartilleriesystem der damaligen Zeit. Er führte die 12-Pfünder als Standardfeldgeschütz ein, die als „Napoleoner“ bis zum US-Bürgerkrieg in westlichen Armeen genutzt wurden. Die größeren Geschütze hatten eine wesentlich bessere Wirkung und ein größere Reichweite als die bis dahin üblichen kleineren Feldgeschütze. Wogen dafür aber mehr und waren unbeweglicher. Waren auf gute Strassen und trockene Böden angewiesen…

Und hier zeigt sich nun das Manko, wenn man als Feldherr auf Geschwindigkeit angewiesen ist, um die größeren Armeen von Alliierten getrennt schlagen zu können UND die Strassenverhältnisse einen ausbremsen.
Das hatte zur Folge, dass ein großer Teil der französischen Armee noch auf der Straße war, als Napoleon am Morgen des 18.Juni 1815 ( https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Waterloo ) auf die schon wartende englische Armee unter Wellington traf. Diese stand auf der anderen Seite einer langgestreckten Senke schon bereit und wartete…

In der Nacht hatte es stark geregnet, die Wiesen waren noch nass, der Boden für die Artillerie und die Kavallerie nicht tragfähig genug. Schon gar nicht wenn letztere in Massen angreifen sollte. Zigtausende von Hufen hätten die Böden zu stark aufgewühlt und die Pferde samt Reiter unbeweglich im Schlamm feststeckend zu perfekten und hilflosen Zielscheiben gemacht.
Napoleon musste also Stunden warten, bis seine Artillerie in Stellung war. Und letzteres war wohl das, was sein Schicksal besiegelt hat. Fast drei Stunden dauerte das. Drei Stunden, die am Ende dann fehlten, als Feldmarschall Fürst Blücher endlich – fast ohne eigene Artillerie und Kavallerie – mit seinen Infanterieregimentern Napoleon in die stark ausgedünnte und geschwächte Flanke fiel.


Doch warum musste Napoleon unbedingt auf seine Artillerie warten?

Denkmal bei Waterloo

Das lag an der Taktik mit Kolonnen aus ungeübten Wehrpflichtigen eine Linie aufbrechen zu wollen die unaufhörlich schoss. Im Vorfeld musste die generische Linie daher geschwächt, möglichst zerschlagen werden, damit die anrückende Kolonne nicht im gegnerischen kombinierten Dauerfeuer zusammengeschossen wurde. Etwas, was an diesem Tag mehrfach geschah. Was das Schicksal der „Alten kaiserlichen Garde“ dann auch im finalen, letzten und verzweifelten Angriff besiegelte. Sie quasi ausradierte.
Napoleon brauchte seine Artillerie, damit er auf die Schwächen in der Aufstellung des Gegners flexibel reagieren konnte. Seine Artillerie schnell zusammenfassen und so einen Feuerschwerpunkt bilden konnte, der den Weg seiner Kolonne ebnen sollte. Sie mit einem Trommelfeuer unterstützen und auch die gegnerische Artillerie niederhalten sollte.
Im Bedarfsfall, in taktischen Situationen, wo Eile geboten war, und die schwerfälligen Kolonnen nicht zum Zuge kommen konnten, setzte er konsequent auf seine brillanten, aggressiven und bewährten Kavalleriekommandeure; allen voran Marschall Ney, um sich bietenden Lücken in der gegnerischen Formation aufzubrechen und den Gegner niederzureiten. Letzteres glückte an diesem Tag nicht. Die Reiterei unter Ney blieb im Schlamm stecken, ritt in Fallen und wurde fast komplett ausgelöscht. Der Film „Waterloo“ von Sergei Bondartschuk (1970) zeigt das Drama sehr anschaulich.
Auf englischer Seite war die Schlacht um 1600h des Tages eigentlich verloren. Napoleon verschickte schon Siegesmeldungen, als sich an seiner rechten Flanke schwarze Marschkolonnen eilig dem Schlachtfeld näherten. Napoleon hoffte auf seine 35.000 Mann, die Blücher von der englischen Armee fernhalten sollten. Wellington auf das Versprechen Blüchers ihm zu Hilfe zu kommen. Er behielt Recht; Napoleon irrte sich. Das Ergebnis ist bekannt.

Die Schlacht bei Waterloo ist eine der am meisten analysierten Schlachten Europas. Sie ist an jeder Militärakademie weltweit Grundlage von Taktikseminaren, Szenariostudien und Klausuren.

Die Frage nach dem „was wäre wenn“ wurde hier so oft gestellt, dass kaum noch etwas existiert, was nicht hinterfragt und/oder alternativ durchgespielt wurde. Computersimulationen wurden erstellt. Auch solche, die dann frei erhältlich waren wie zu Beginn der PC-Game-Ära „Fogs of War“.
Man konnte in diesen Simulationen „als Napoleon“ die Schlacht gewinnen. Aber nur, wenn man früh genug angegriffen hat. Aber immer schielte man dabei auf das, was noch auf der Straße war. Im Anmarsch war. NOCH nicht in die eigene Aufstellung aufgenommen werden konnte, während der Gegner auf der anderen Seite der Senke „in voller Pracht“ stand.
Das verführte zum Abwarten… wie es auch Napoleon tat. Letztlich dann zu lange tat. Mindestens eine Stunde zu lange und auf schneller trocknende Böden hoffte…Für seine schwere Artillerie, seine Kavallerie und einen „sicheren Sieg“.
Einen Sieg, den er schon deshalb sicher glaubte, da Wellington mit einem Wald im Rücken Aufstellung genommen hatte. Etwas, was seit Julius Cäsar schon als recht blöd angesehen wurde. Jeden Rückzug zum Desaster gemacht hätte. Ein Rückzug, der aber notwendig geworden wäre, wenn seiner Angriffskolonne der Durchbruch geglückt wäre…
Wenn das Wörtchen WENN nicht wäre… Dieser verdammte Vulkan nicht ausgebrochen wäre, das globale Wetter nicht ruiniert hätte. Die Straßen intakt geblieben wären und dieser Regen nicht gewesen wäre…

Möglicherweise eine kleine Ursache mit großer Wirkung für die neuere Geschichte. Für uns alle.


 

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