Müllkrise im Mittelmeer

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Die Länder rund um das Mittelmeer scheitern daran, ihren Kunststoffmüll umweltverträglich zu entsorgen. So gelangen mehr als eine halbe Million Tonnen Plastik  pro Jahr ins Mittelmeer, das entspricht 33.800 Plastikflaschen pro Minute. Dies geht aus einer aktuellen WWF-Analyse des WWF- Mittelmeerprogramms hervor.  

 

Beliebte Reiseziele zählen zu den meistverschmutzten Gegenden.

Die Hälfte des Plastikeintrags geht auf küstennahe Aktivitäten zurück. Anders als im offenen Ozean wird im Mittelmeer 80 Prozent des Plastikmülls innerhalb von 10 Jahren wieder angespült. Täglich sammeln sich fünf Kilogramm Kunststoffmüll pro Küstenkilometer an. Neben der türkischen Region Kilikien zählen zu den meistverschmutzen Küstenlinien beliebte Reiseziele  wie Barcelona, Tel-Aviv, Valencia, die Bucht von Marseille und die Küste bei Venedig und dem Po-Delta.

 „Der Tourismus erhöht den Druck aufs Mittelmeer  zusätzlich. Die kommunale Abfallentsorgung kann mit dem saisonal  anwachsenden Müllaufkommen oft nicht mithalten. Während der Urlaubszeit steigt die Abfallbelastung des Mittelmeers in den Touristenregionen um bis zu 40 Prozent“, sagt Bernhard Bauske, Experte für Plastikmüll des WWF Deutschland. Rund 200 Millionen Reisende besuchen die Küsten der Mittelmeerregion pro Jahr.

 

 „Die Natur zahlt den höchsten Preis für die Verschmutzung des Mittelmeeres. Doch auch für  die Wirtschaft wird die Plastikflut teuer“,  warnt Bernhard Bauske. Meeresmüll verursacht jährlich  641 Millionen Euro Kosten für Tourismus, Fischerei und maritime Wirtschaft.  Gleichzeitig tragen Wirtschaftszweige wie der Seehandel und die Fischerei zur Misere bei: 20 Prozent des Kunststoffmülls im Mittelmeer  sind verlorene Ladung oder Fischereigerät.

 

Plastikimporteur Türkei: Deutscher Plastikmüll bindet Recyclingkapazität

Der chinesische Importstopp für Plastikmüll  hat zu Verschiebungen im globalen Handel mit Kunststoffabfällen geführt. Seit 2018 gehört die Türkei zu den zehn größten Plastikmüll-Importländern der Welt und nimmt steigende Müllmengen aus Großbritannien, Belgien und Deutschland auf. Über 50.000 Tonnen Kunststoffmüll hat Deutschland 2018 in die Türkei geschickt.  „Ein Großteil der Recyclingkapazität in der Türkei wird für den importierten Plastikmüll eingesetzt, weil diese Abfälle besser sortiert sind als der lokal anfallende Müll. Im schlimmsten Fall  besteht die Gefahr, dass Plastikmüll nicht umweltgerecht recycelt wird und so  unkontrolliert in die Umwelt gelangt“, so WWF-Experte Bauske. „Statt die Recyclinganlagen anderer Länder mit deutschem Plastikmüll zu verstopfen, sollte Deutschland  andere Staaten noch intensiver  dabei unterstützen, bessere Sammel- und Sortiersysteme zu etablieren.“

Der WWF fordert Deutschland  und die EU auf, sich noch intensiver als bisher für ein internationales UN-Abkommen gegen den Eintrag von Plastikmüll ins Meer einzusetzen, das auch die Grundlage für solch  technische Zusammenarbeit weniger entwickelten Staatenlegt. 

 

Die WWF-Analyse sieht die Ursache für die Verschmutzung des Mittelmeeres in einem mangelhaften System,  das  sich auf Versäumnisse bei Produzenten, Behörden und Verbrauchern stützt. Mehr als die Hälfte des im Mittelmeerraum produzierten Kunststoffs landet binnen einen Jahres in der Mülltonne. Der  Hauptanteil endet auf der Deponie oder in der Verbrennungsanlage, nur ein Bruchteil wird wiedergenutzt oder recycelt. Im Mittelmeerraum werden überdurchschnittlich viele  Plastikgüter  hergestellt, pro Kopf 23 kg mehr als im globalen Mittel.  „Unser Umgang mit Plastik stimmt hinten und vorne nicht. Alle Mittelmeerstaaten scheitern bei der Abfallsammlung und müssen ihren gesamten Umgang mit Plastik und Verpackungen  überarbeiten. Wir müssen Herstellung und Verbrauch von Kunststoff drosseln und ernsthaft in Recycling und Mehrwegsysteme investieren. Nur so können wir Plastikmüll aus dem Mittelmeer heraus halten“, sagt Guiseppe die Carlo, Direktor des WWF-Mittelmeerprogramms. Abfallentsorgung und Recyclinganlagen sind rund ums Mittelmeer unterschiedlich gut ausgebaut. Offene Mülldeponien sind vielerorts noch verbreitet, so dass Müll über die Flüsse ins Meer geschwemmt wird. Von den 24 Millionen Tonnen der jährlich in den Mittelmeerländern anfallenden Plastikabfälle  werden  6,6 Millionen Tonnen schlecht verwaltet, d.h. sie werden entweder gar nicht erst eingesammelt oder nach Sammlung auf  illegalen Deponien oder in der offenen Landschaft verklappt. Diese zweifelhaften Methoden der „Entsorgung“ sind die Hauptquellen des Eintrags von Plastikmüll ins Mittelmeer. Die  drei Anrainerstaaten Ägypten, Türkei, und Italien sind verantwortlich für zwei Drittel der Kunststoffabfälle, die in die Umwelt gelangen.

 

Original Content von: WWF Deutschland präsentiert durch das Nordhessen Journal

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