Nazi-Parole als Redewendung?! – Vorsicht bei diesem Spruch

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Die Redewendung „Jedem das Seine“ wird im Alltag recht sorglos gebraucht.
Sie steht für Gerechtigkeit, dafür dass jeder bekommt, was er verdient.
Tatsächlich ist sie aber sehr geschichtsträchtig.
Leider auch, weil er über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald prangte.
Die Häftlinge mussten den Schriftzug selbst erstellten – geschaffen wurde er vom inhaftierten Architekten und Künstler Franz Ehrlich, der 1937 als Kommunist ins KZ gesperrt wurde.
Die Buchstaben waren rot gestrichen und nach innen gerichtet, damit die Häftlinge sie tagtäglich zu Gesicht bekamen.
Die Abgrenzung von der Gesellschaft, so suggerierte der Spruch, geschehe zurecht. Es war eine demütigende Interpretation.
 
Mit dem Ursprung der Formel hat die NS-Interpretation allerdings nichts zu tun. Bereits um 370 v. Chr. prägte Platon die lateinische Version „Suum Cuique“. In „Der Staat“ ging es ihm damit um die Pflichten des Bürgers gegenüber dem Staat. 533 n. Chr. hob Kaiser Justinian damit die Rechte des Einzelnen gegenüber dem Staat hervor. Literaten wie Kant, Goethe und Marx schlossen sich an und bezogen sich auf die Gerechtigkeitsformel.
 
Ebenso wie der Preußenkönig Friedrich I., der „Suum Cuique“ zum Leitspruch zum Hohen Orden vom Schwarzen Adler machte „um Recht und Gerechtigkeit auszuüben“. Die Verbindung zu Preußen wird wohl auch der Grund sein, dass 1938 befohlen wurde, eben diesen Spruch in Buchenwald anzubringen.
Im Gegensatz zu anderen Sprachgepflogenheiten des Dritten Reiches gibt es gegenüber „Jedem das Seine“ auch in der heutigen Zeit kaum eine Sensibilisierung.
 
Großkonzerne wie Nokia, Rewe oder Microsoft warben ab 1998 sogar damit – und mussten die Kampagnen aufgrund von Protesten frühzeitig einstellen. Im Gegensatz zu „Arbeit macht frei“ ist der Schriftzug deutlich unbekannter, was an den Wirren der Nachkriegszeit und der Nutzung des Lagers durch die Sowjets liegen kann. Buchenwald war Außenstehenden lange unzugänglich. Harter Tobak. Doch letztendlich hat auch dieser Schriftzug ein kleines positives Merkmal.
Der bereits genannte Franz Ehrlich nutzte nämlich ausgerechnet den Bauhaus-Stil, zu dessen Schule er gehörte, um die Buchstaben zu entwerfen. Und dieser gehörte während der NS-Zeit zur „entarteten Kunst“.
Damit setzte er ein Zeichen gegen den Nationalsozialismus.
So wie wir es alle tun sollten.
 
 

 
 
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