„Allen voran!“ – Die SMS SEYDLITZ: eine deutsche Schlachtschifflegende

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Als 1909 mit der HMS Dreadnought ein neuer Schlachtschifftyp aufkam war klar, dass diese wegweisende Konstruktion auch Auswirkungen auf Kreuzerneubauten haben würde. Die bis dahin gebauten Panzerkreuzer, als schwersten Einheiten unterhalb der Linienschiffe, waren mit einem Schlag ebenfalls unmodern geworden.

Als dann bekannt wurde, dass man in Großbritannien sog. Schlachtkreuzer baute, mit derselben Hauptbewaffnung wie die Schlachtschiffe, reagierte man im Kaiserreich mit dem Bau der damals als Große Kreuzer bezeichneten Gegenstücken. Dabei war die SMS Seydlitz ( https://forum.worldofwarships.eu/topic/82040-sms-seydlitz-großer-kreuzer-der-kaiserlichen-marine/  ) das vierte gebaute Schiff dieser neuen Schiffsklasse. Benannt nach dem berühmten Reitergeneral Friedrich des Großen, der die Schlachten bei Rossbach und Leuthen mit seiner Kavallerie für Preussen entschied.

 

Als das Schiff am 30.03.1912 bei Blohm & Voss in Hamburg vom Stapel lief war es bis dahin der größte deutsche Schlachtkreuzer der Kriegsmarine. Und schon damals in einem handfesten Skandal verwickelt. Englische Spione hatten die Baupläne gestohlen…

Bewaffnet war das 28.550 Tonnen große Schiff mit zehn 28cm-Schnellfeuergeschützen in Zwillingstürmen und jeweils zwölf 15cm- und 8,8cm-Geschützen sowie vier 50cm-Torpedorohren. Die Besatzung betrug 1068 Mann, von der 263 Mann im Laufe des Ersten Weltkriegs fallen sollten. Mit einer Verlustquote von 24,6% was die SMS Seydlitz das überlebende Schiff der Flotte mit der größten Verlustrate unter der Besatzung. Kein Schiff musste mehr Granattreffer einstecken als dieses Schiff. Keines wurde ähnlich schwer beschädigt und konnte dennoch zurückgebracht werden. Letzteres begründete den Ruhm des Schiffes an sich.

Ohne die spätere Bismarck wäre die SMS Seydlitz mit Sicherheit als das deutsche Schiff in Erinnerung geblieben, das in der Tat als unsinkbar erschien. Trotz aller Anstrengungen überlegender Kräfte nicht versenkt werden konnte. Anders als die Bismarck, die bei ihrer ersten Fahrt versenkt wurde.
Ein Grund dafür war, dass man von Anfang an bei der Konstruktion Wert auf Sinksicherheit gelegt hatte, was die Baukosten nicht unerheblich auf fast 45 Millionen Reichsmark in die Höhe getrieben hatte.
Obwohl artilleristisch der britischen Invincible-Klasse unterlegen, war die SMS Seydlitz in allen relevanten Bereichen besser gepanzert. Teilweise sogar mit der doppelten Panzerstärke geschützt, was sich in den späteren Schlachten als Garant für ihr Überleben erweisen sollte.

Anders als bei ihren vergleichbaren zeitlichen britischen Pendants wurde bei der SMS Seydlitz auf eine ausgewogene Bewaffnung, Panzerung und Geschwindigkeit geachtet. Die britischen Schlachtkreuzer unterlagen in ihrer Konzeption der Fisher-Doktrin, die die Panzerung hinter die Geschwindigkeit und Bewaffnung rangieren ließ.
Ein Konzept, dass gegen das deutsche Ostasiengeschwader des Admirals Graf von Spee bei den Falkland Islands 1914 gegen reine Kreuzer aufging, aber ansonsten in allen Gefechten unter Großkampfschiffen kläglich versagte. Zu insgesamt drei Totalverlusten führen sollte.

So wurde der Schlachtkreuzer nach seiner Fertigstellung im Mai 1913 schon auf Probefahrten vom deutschen Kaiser und dem italienischen König Emanuel III. besucht. Ab August nahm es an den Manövern der Hochseeflotte teil und war zu Kriegsbeginn das Flaggschiff von Konteradmiral Hipper und seiner Aufklärungsverbände.

 

Admiral Hipper

Bei Kriegsausbruch stand das Geschwader in Wilhelmshafen und lief am 02.11.1914 aus, um die englische Hafenstadt Great Yarmouth in der Grafschaft Norfolk zu beschießen. Am 15.12.14 folgten Hartlepool und Scarborough. Hier erhielt die SMS Seydlitz ihre ersten drei Treffer von Küstenbatterien. Ein Angriff von vier englischen Zerstörern wurde erfolgreich abgewehrt.
Diese Angriffe waren die ersten Angriffe einer gegnerischen Flotte auf englische Küstenziele seit dem englisch-niederländischen Krieg und hatten eine große Wirkung auf die Bewohner der englischen Küste, die nach der weit entfernten Flotte schrie, die aber im Norden Schottlands bei Scapa Flow sicher vor Anker lag. Nur leider zu weit weg, um die deutschen Raids an der Küste rechtzeitig abzuschlagen. Das Presseecho in England war für die britische Admiralität verheerend.

Am 24.01.1915 erfolgte ein Vorstoß mit vier Schlachtkreuzern und Geleiteinheiten auf die Doggerbank, um die englische Fischereiflotte zu schädigen. Diesmal war die britische Flotte vorgewarnt und schickten der deutschen Flotte fünf ihrer neusten Schlachtkreuzer und doppelt so starke Geleiteinheiten entgegen. Es kam zur Schlacht auf der Doggerbank, bei der sich Admiral Hipper zurückziehen musste.

Abb. 34,3cm-Granatsplitter und Bilder

Sein schwächstes und auch langsamstes Schiff, der Panzerkreuzer SMS Blücher, wurde dabei mit fast der kompletten Besatzung versenkt. Doch in dieser Schlacht schrieb die SMS Seydlitz  Marinegeschichte.
Am Ende der deutschen Kolonne fahrend erhielt sie von den schneller folgenden Briten zwei 34,3cm-Granattreffer. Eine dieser Geschosse durchschlug die 23cm starke Panzerung eines der hinteren 28cm-Geschütztürme und entzündete die dort aus der Munitionskammer geholten und bereitgestellten sechs Tonnen Munition. Entzündete sie… Eine hunderte Meter hohe bläuliche Stichflamme schoss aus dem Turm, die sich sekundenlang in der Luft hielt. Schleuderte die beiden 28cm-Geschütze aus dem Turm und äscherte die gesamte Turmbesatzung sofort ein.

Es gelang der Schiffsicherungscrew das Schiff zu retten. Dem Pumpenmeister Wilhelm Heitkamp gelang es die (glühend)heißen Flutventile des Turms zu öffnen, die hinteren Munitionskammern so zu fluten und eine Explosion der Restmunition zu verhindern. Das Heck sackte um 1,2 Meter ab. Das Schiff brannte weiter und die Crew befürchtete die baldige Explosion des Schiffes. Der Kapitän beschloss daher den Rückzug der Restflotte mit seinem Schiff zu decken, drehte bei und schoss mit den verbleibenden Geschützen Schellfeuer auf den nachrückenden Feind. Sein Schiff bewusst opfern wollend.
Alle zehn Sekunden verließ eine Salve die Rohre. 123 28cm-Granaten hagelten auf den nachrückenden Gegner herab. Eine Feuerkadenz, die nie wieder in der Geschichte mit solchen Geschützen erreicht wurde.
Aufgrund eines Übermittlungsfehlers brachen die Briten die Verfolgung ab, drehten um, um die brennende SMS Blücher zu versenken.
Das verschaffte der SMS Seydlitz Zeit auch abzulaufen und Wilhelmshafen mit 165 Toten an Bord sicher zu erreichen.

Die an Bord gefundenen Splitter der englischen Granaten waren damals ein beliebtes Fotomotiv. Ebenso die erlittenen Schäden. Das Foto zeigt einen dieser 34,3cm-Granatsplitter, der auf der Werft an Bord gefunden und als Erinnerung aufbewahrt wurde.

 

In weniger als zwei Monaten wurde das Schiff repariert und nahm im April und Mai an den Vorstößen in den Rigaischen Meerbusen, in den Norden nach Esbjerg und im November auf die Terschellingbank.
Am 24.04.16 lief sie vor der englischen Ostküste auf eine Mine, nahm 1400 Tonnen Wasser uns musste wieder in die Werft, wo sie rechtzeitig für die Skagerrak-Schlacht wiederhergestellt wurde.

Am 29.05.1916 lief die gesamte deutsche Flotte aus, um die englischen Schlachtkreuzer in eine Falle zu locken. Dazu folgte die Hochseeflotte unter Admiral Scheer den Aufklärungsverbänden unter Vizeadmiral Hipper, der mit seinen Kreuzern den Köder für die englischen Schlachtkreuzer des Admiral Beatty spielen sollte. Der Plan war den englischen Admiral bei der Verfolgung der fliehenden deutschen Schiffe vor die Rohre der Hochseeflotte zu locken. Doch als dieser die Gefahr erkannte, drehte er um und lockte die Hochseeflotte vor die Rohre der ihm selbst folgenden weit überlegenen britischen Grand Fleet. Es folgte die größte artilleristische Seeschlacht der Menschheitsgeschichte, bei der die beiden Schlachtkreuzerverbände über Stunden zwischen den beiden Hauptflotten operierten.

Zusammen mit der SMS Derflinger konzentrierte die SMS Seydlitz ihr Feuer auf die HMS Queen Mary, die um 1626h explodierte. Vorher explodierten die englischen Schlachtkreuzer HMS Invincible und HMS Indefatigable im Feuer der deutschen Schiffe. Bald darauf folgte die Selbstversenkung der SMS Lützow, die zusammengeschossen worden war und nicht mehr ihre Position in der Linie halten konnte.

Nach einem Torpedotreffer des britischen Zerstörers HMS Petard im Bug und zahlreichen schweren Treffern in Türmen, Back und Aufbauten begann die SMS Seydlitz zu brennen. Eine weitere Granate trifft das rechte Rohr des Turms E, dessen mittleres Rohrstück noch heute in Wilhelmshaven als Denkmal zu sehen ist.
Die Granatkammer von Turm A läuft voll. Insgesamt nimmt die SMS Seydlitz 5300 Tonnen Wasser auf.
Schwer angeschlagen, in der Schlacht von insgesamt acht 38,1cm-, sechs 34.3cm-, acht 30,5cm und jeweils einer 14cm- und 10,2cm-Granate und dem Torpedo getroffen, kroch das Schiff mit nur noch einem verbliebenen Hauptgeschützturm brennend dahin. Wurde von der einbrechenden Dunkelheit und der rauchverschleierten Sicht gerettet.
Die SMS Seydlitz selbst hatte 376 ihrer 28cm-Granaten auf den Gegner verschossen.

Mit 98 Toten und 55 Verwundeten an Bord, mit nur noch einem knappen Meter Freibord am Bug schleppte sich das Schiff hinter der deutschen Flotte her, die den Kreuzer schon aufgegeben hatte. Teilweise rückwärtsfahrend, weil die Dünung den Bug überspült hatte und das Schiff runterzudrücken drohte, erreichte es im Morgengrauen die deutsche Küste, wo es von Marinefliegern gesichtet wurde. Sofort eilten Geleitschiffe zu Hilfe und es gelang den Schlachtkreuzer nach Wilhelmshafen einzubringen.
Doch er lag so tief im Wasser, dass er nicht in die Außenschleuse einlaufen konnte. Man baute die Geschütze aus, damit er leichter wurde, genug Auftrieb bekam, um dann die Schleuse passieren zu können. (siehe Bilder).
Admiral Hipper setzte als Anerkennung wieder seine Flagge auf dem Wrack des in der Schleuse aufliegenden Schiffes. Der Kaiser schickte eine Grußbotschaft an die tapfere Besatzung „seines Grossen Kreuzers Seydlitz“…

Schon im Oktober war das Schiff repariert und stieß entlang der dänischen Küste vor. Unternahm mit anderen Schiffen Bergeversuche von den aufgelaufenen U-Booten U 20 und U 30.
Führte für den Rest des Krieges die Aufklärungskräfte für Deckungsaufgaben für auslaufende U-Boote, bis die neugebaute SMS Hindenburg das Flaggschiff wurde und die Führung der Schlachtkreuzer übernahm.

Bei Kriegsende wurde die SMS Seydlitz mit dem Rest der deutschen Flotte an die Briten ausgeliefert und mit einer kleinen Notbesatzung in Scapa Flow interniert. (https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstversenkung_der_Kaiserlichen_Hochseeflotte_in_Scapa_Flow)

Am 31.05.19 wurde zum Jahrestag der Skagerrak-Schlacht auf allen Schiffen die deutsche Kriegsflagge gesetzt, was von den Briten nicht unterbunden wurde.

Konteradmiral von Reuter befahl am 21.Juni 1919 die Selbstversenkung aller deutschen Schiffe als Reaktion auf schleppenden Friedensverhandlungen und der Gefahr der möglichen Fortführung des Krieges. In diesem Fall sollte die internierte und an sich intakte Flotte nicht gegen Deutschland eingesetzt werden können.

Die SMS Seydlitz kenterte nach dem Öffnen der Bodenventile und versank im 21 Meter tiefen Wasser. Teile ragten dabei immer aus dem Wasser. Am 02.11,28 gelang es nach vierzig Versuchen der „Cox„& Danks Ltd.salvage company“ das Wrack zu heben. Es wurde nach Lyness geschleppt und 1930 in Rosyth abgewrackt.

Bei der Einweihung des deutschen Marineehrenmals in Laboe (https://www.laboe.de/marine-ehrenmal.html ) 1936 wurde eine Schiffsglocke als Geschenk der Royal Navy an den ehemaligen Kriegsgegner zurückgegeben.
Es war nicht die Glocke des Flottenflaggschiff SMS Friedrich der Große. Es war die Schiffsglocke der SMS Seydlitz, deren Motto lautete: „Allen voran!“

Dort hängt sie noch heute und erinnert an deutsche Marinetradition, eine tapfere Besatzung und die gefallenen Kameraden. An einen stolzen und ungeschlagenen Schlachtkreuzer, der wie kein anderes deutsches Kriegsschiff seinen Gegnern Respekt abringen konnte.


 

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