Nach Interview: Vatikan will Jesuitenpater nicht als Rektor

 

 

Sein Bischof hält Ansgar Wucherpfennig für «einen zeitgenössischen Theologen, der etwas zu sagen hat». Doch Rom gehen seine liberalen Ansichten zu weit. Jetzt muss der Jesuit um seinen Job bangen – an einer Hochschule, in der der Papst selbst als Student zu Gast war.

 

Der Eingangsbereich der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. Foto: Silas Stein

Wegen liberaler Äußerungen zu Homosexualität und Frauen in der Kirche will der Vatikan den Rektor einer katholischen Hochschule in Frankfurt aus dem Amt drängen. Dem Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig sei die Unbedenklichkeitserklärung aus Rom verweigert worden, sagte eine Sprecherin der Deutschen Provinz der Jesuiten in München am Montag. Der Vatikan fordere zudem einen Widerruf. Zuerst hatten die «Frankfurter Rundschau» und der «Kölner Stadt-Anzeiger» (Montag-Ausgaben) berichtet. Im Vatikan war am Montag keine Stellungnahme zu bekommen.

Wucherpfennig hatte 2016 in einem Interview mit der «Frankfurter Neuen Presse» gesagt, zum Thema Homosexualität gebe es «missverständlich formulierte Stellen in der Bibel». «Homosexuelle Beziehungen in der Antike waren starke Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsverhältnisse. Liebe sollte eine egalitäre, freie Beziehung sein, keine mit Gefälle. Das wollte Paulus eigentlich sagen, so meine These.»

Über Frauen in der Kirche sagte er: «Wenn Papst Franziskus die Kirche dazu aufgefordert hat, über das Diakonat der Frau nachzudenken, ist das noch zu kurz gegriffen. Ist es richtig, dass das Sakrament der Beichte, also die Versöhnung mit Gott, nur Männer spenden können? Das schränkt die Gesprächsmöglichkeiten zur Versöhnung massiv ein. Da habe ich ernsthafte Fragen.»

Der 1965 in Hannover geborene Pater ist seit 1991 Mitglied des Jesuitenordens und wurde 1997 zum Priester geweiht. Seit 2008 hat er den Lehrstuhl für Exegese des Neuen Testaments in Sankt Georgen inne, seit 2014 war er dort Rektor. Sankt Georgen ist eine staatlich anerkannte, private Hochschule mit Priesterseminar, die vom Jesuitenorden getragen wird.

Der Provinzial der Jesuiten in Deutschland, Johannes Siebner, steht nach eigenen Worten «uneingeschränkt» zu Wucherpfennig. Es gebe «nicht den geringsten Zweifel an seiner Eignung». Er könne sich eigentlich nur vorstellen, «dass es sich da um ein Missverständnis handelt. Ansonsten wäre es ein empörender Vorgang.» Grund für das Ausbleiben des «Nihil obstat» (nichts steht dagegen) aus Rom sei «die Auffassung der Glaubenskongregation, dass öffentliche Äußerungen von Pater Wucherpfennig im Oktober 2016 nicht mit der Lehre der Kirche übereinstimmen.»

Der Vorgang sei noch nicht abgeschlossen, sagte die Sprecherin der deutschen Jesuiten. Wucherpfennig habe auf den Brief aus Rom mit einer schriftlichen Stellungnahme geantwortet. Einen Widerruf lehne er aber ab. Eine Antwort aus Rom habe man bisher nicht erhalten.

Auch der Limburger Bischof Georg Bätzing hat «uneingeschränktes Vertrauen» in den Pater, wie Bistumssprecher Stephan Schnelle sagte. Er schätze ihn sehr als Theologen, Priester und Wissenschaftler. Die Äußerungen in dem Interview seien theologisch fundiert und belegt. Wucherpfennig sei «ein zeitgenössischer Theologe, der etwas zu sagen hat – und das schätzt der Bischof sehr.» Das Bistum warte jetzt die Antwort aus Rom auf die Stellungnahme des Paters ab. Man hoffe, dass das Semester am 15. Oktober unter bewährter Leitung beginnen könne.

Der katholische Stadtdekan von Frankfurt, Johannes zu Eltz, sprach von einer «Selbstschädigung der römischen Behörden». Der Vorgang sei «ein intransparentes und vielleicht auch illegitimes Handeln, das dem Denunziantentum Tür und Tor öffnet», sagte er der Deutschen Presse-Agentur – eine «Dummheit», gerade in der aktuellen Stimmungslage nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle.

Acht Frankfurter Pfarrer veröffentlichten eine Erklärung, in der sie den Vatikan scharf angreifen. Der Missbrauch an Minderjährigen mache deutlich, «dass auch der pathologische Umgang der Kirche mit dem Thema (Homo-)Sexualität sexualisierte Gewalt begünstigt. Der Versuch, das offene Gespräch über Sexualfragen innerhalb der Kirche zu unterbinden, ist daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt genau das falsche Signal». Der Vatikan glaube wohl, missliebige Positionen aus der Welt schaffen zu können, indem man Menschen sanktioniert, die sie aussprechen. Die Pfarrer wollen sich dem nicht beugen: «Die Zeiten, wo Menschen – auch Amtsträger in der Kirche – sich von römischen Behörden vorschreiben lassen, worüber nachgedacht und diskutiert werden darf, sind Gott sei Dank endgültig vorüber.»

«Mit großer Empörung» reagierte die Bewegung «Wir sind Kirche». Die Bildungskongregation wolle «ihre reaktionären Vorstellungen mit autoritären Methoden durchzudrücken». Das sei gerade «angesichts des enormen Glaubwürdigkeitsverlustes der römisch-katholischen Kirche» nicht tolerabel. Bischof Bätzing und die gesamte Bischofskonferenz müsste gegen die Entscheidung Einspruch erheben – am besten bei Papst Franziskus persönlich.

Jorge Mario Bergoglio, der spätere Papst Franziskus, war 1985 selbst in Sankt Georgen. Er wohnte in einem der Gästezimmer und recherchierte für seine Doktorarbeit. Zum 90-jährigen Bestehen der Hochschule sandte er «dieser ehrwürdigen Studieneinrichtung» Glückwünsche: «Gerne erinnere ich mich an die Zeit, die ich selbst dort verbracht habe.»

 

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