Ermittler prüfen Aussagen von Ali B. im Fall Susanna

 

 

Viele Fragen zum Gewaltverbrechen der 14-jährigen Susanna aus Mainz sind noch offen. Nun werden die Aussagen des Mordverdächtigen Ali B. unter die Lupe genommen. In Mainz wird getrauert – und demonstriert.

Wiesbaden/Mainz (dpa)

Menschen demonstrieren unter dem Motto «Für Vielfalt und Toleranz – gegen Hass und Gewalt» auf dem Gutenbergplatz in Mainz. Foto: Andreas Arnold

Die Ermittler nehmen nach dem gewaltsamen Tod der 14-jährigen Susanna die Aussagen des Tatverdächtigen Ali B. und weiterer Zeugen unter die Lupe. Man arbeite auf Hochtouren an der Auswertung der umfangreichen Angaben des inhaftierten 20-Jährigen und von Ergebnissen der Rechtsmedizin, sagte am Montag die Sprecherin der Wiesbadener Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwältin Christina Gräf. Der Haftbefehl gegen Ali B., der zuvor in einer Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden gelebt hatte, lautet auf dringenden Verdacht des Mordes und der Vergewaltigung.

Der Iraker hatte in einer fast sechsstündigen Vernehmung vor dem Wiesbadener Amtsgericht gestanden, das aus Mainz stammende Mädchen umgebracht zu haben. Er sitzt in Frankfurt/Main in Untersuchungshaft. Nach einer Flucht in den Irak war der junge Mann am Samstag im Beisein von Bundespolizisten mit einer Lufthansa-Maschine zurück nach Deutschland geflogen worden.

Rund 150 Menschen wollten am Montag in Mainz mit einem stillen Gedenken ein Zeichen der Trauer und des Miteinanders setzen. Bürger, Gewerkschafter, Kirchen und Politiker sowie Mitschüler von Susanna versammelten sich und zündeten Kerzen an. «Diese Tat ist so brutal und unmenschlich, dass uns der Atem stockt», sagte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). Es gehe darum, zusammenzustehen und nicht den Rechtsstaat infrage zu stellen. Es seien auch Dinge schief gelaufen: «Wie kann jemand in einem Land sein, wenn es mutmaßlich Vorstrafen gibt? Wie kann eine Ausreise so leicht gelingen?» Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hatte zum Gedenken aufgerufen. Regionsgeschäftsführerin Astrid Clauss sagte, die Kerzen sollten Anteilnahme und Hoffnung zeigen.

In der Nähe davon protestierten etwa 35 Menschen des Bündnisses «Kandel ist überall» mit einer Mahnwache gegen illegale Einwanderung. «Wir brauchen unbedingt jetzt endlich geeignete Maßnahmen, die solche Vorfälle verhindern», sagte AfD-Politikerin und Mitorganisatorin Christiane Christen mit Blick auf den Tod von Susanna. «Da muss man an den Grund gehen. Der Grund ist illegale Grenzöffnung.» Die Gruppierung «Kandel ist überall» wird dem rechtspopulistischen Spektrum zugerechnet. Sie demonstrierte nach dem gewaltsamen Tod der 15-jährigen Mia in Kandel schon mehrfach in der pfälzischen Stadt.

Im Fall Susanna liegt das vollständige Ergebnis einer DNA-Analyse nach Angaben der Oberstaatsanwältin noch nicht vor. Daher könne sie noch keine Angaben zu den widersprüchlichen Aussagen über die mutmaßliche Vergewaltigung des Opfers machen. Ali B. hatte diesen Vorwurf der Ermittlungsbehörden in seiner Vernehmung bestritten. Als Tatmotiv gab er laut Staatsanwaltschaft an, «dass er aufgrund von Verletzungen im Gesicht von Susanna, die infolge eines Sturzes entstanden sein sollen, befürchtet habe, dass diese die Polizei informieren werde».

Nach Angaben der Ermittler kannte Susanna den Bruder von Ali B. und konnte sich eine Beziehung mit ihm vorstellen. Daher habe sie sich in der Flüchtlingsunterkunft öfter aufgehalten und den Tatverdächtigen gekannt. Neue Erkenntnisse zu dem zeitweise zweiten Tatverdächtigen, einem 35 Jahre alten Türken, habe es durch die Vernehmung von Ali B. nicht gegeben, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Der Mann werde aber immer noch als Beschuldigter geführt.

Die Ermittlungen konzentrierten sich auch darauf, an Papiere des Irakers heranzukommen, sagte Gräf. Ali B. war ohne Dokumente vermutlich im Oktober 2015 mit dem damals großen Flüchtlingsandrang über die Türkei und Griechenland nach Deutschland eingereist. Auch sein Alter müsse überprüft werden. Die Hinweise auf den mutmaßlichen Täter waren von einem 13-Jährigen gekommen, der ebenfalls in der Flüchtlingsunterkunft lebte. Dieser habe bei der Polizei ausgesagt, er habe die Informationen über die Tat direkt von Ali B. erhalten.

Wann dem 20-Jährigen der Prozess gemacht werden kann, ist nach Angaben der Oberstaatsanwältin noch offen. Da es sich um eine Haftsache handle, werde beschleunigt ermittelt.

Die Polizei Mainz wies angesichts offener Fragen bei den Ermittlungen nach dem Verschwinden des Mädchens Versäumnisse zurück. «Wir haben alles getan, was uns rechtlich, inhaltlich und faktisch möglichst ist, zu vollziehen», sagte ein Sprecher. Das gelte auch für die Zeit, bevor Susannas Mutter eine Vermisstenanzeige gestellt habe. Die Mutter hatte sich nach dem Verschwinden ihrer Tochter im Internet an die Öffentlichkeit gewandt und dabei auch die Arbeit der Polizei kritisiert. Nachdem bekanntgeworden war, dass die Leiche des Mädchens in Wiesbaden liegen soll, wechselte die Zuständigkeit der Ermittlungsbehörden von Mainz nach Wiesbaden.

Der Chef der Bundespolizei, Dieter Romann, war persönlich in den von Kurden regierten autonomen Nordirak geflogen, um den Verdächtigen abzuholen. Der Einsatz sei «komplett» von der Bundespolizei ausgeführt worden, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums. Romann sei nicht auf Geheiß von Innenminister Horst Seehofer (CSU) nach Erbil geflogen. Seehofer und der zuständige Innenstaatssekretär waren aber nach Angaben des Bundespolizeipräsidiums über die Maßnahmen laufend informiert. Regierungssprecher Steffen Seibert erklärte, man sei erleichtert darüber, dass der Tatverdächtige nun in Deutschland den zuständigen Behörden vorgeführt werde.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) betonte, nun müsse der Staat der Bevölkerung zeigen, dass er handlungsfähig sei und die Sicherheit gewährleisten könne. Auch müsse die Frage beantwortet werden, ob man die Entwicklung hätte früher erkennen können.

 

 

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