Ergotherapie: Wahrnehmungsverarbeitung/sensomotorische Integration

Wahrnehmungsverarbeitung/sensomotorische Integration

Das Thema Wahrnehmungsverarbeitung und die möglichen Störungen ist ein weites Feld und kann im Rahmen dieses Artikels nur grob und in Teilbereichen behandelt werden.

Erstmal zur Definition: Von Wahrnehmungsverarbeitung spricht man, wenn die Wahrnehmungsorgane störungsfrei arbeiten, das Wahrgenommene aber im Gehirn nicht „richtig“ verarbeitet wird. Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Ein 10 Monate altes Kind stößt auffallend oft beim Krabbeln gegen Tischbeine, Türrahmen und ähnliches. Die Ursache könnte sein, dass das Kind stark kurzsichtig ist und seine Umgebung nur schemenhaft sieht-hierbei würde es sich um eine Wahrhehmungsstörung handeln, da das Wahrnehmungsorgan (das Auge) nicht ausreichend funktioniert. Arbeitet das Auge aber störungsfrei, könnte das Problem sein, dass das Kind zwar das Tischbein genau erkennen kann, aber nicht einschätzen kann, ob sein Körper am Tisch vorbei passt-das wäre eine Wahrnehmungsverarbeitungsstörung.


Die Sinne Sehen, Hören, Schmecken und Riechen sind in ihrer ungefähren Funktionsweise den meisten Menschen bekannt. Bei der Frage nach unseren anderen Sinnen wird es dann meistens schon etwas ungenauer; es wird Tasten oder Fühlen genannt. Welche Sinne ermöglichen uns aber dieses Fühlen auf der körperlichen Ebene?

Dieses möchte ich hier anhand der Theorie der sensorichen Integration der amerikanischen Wissenschaftlerin Jean Ayres etwas näher beleuchten.

Ich will mit zwei Fragestellungen/Denkanstößen beginnen.

  • Warum können sie bei der Absicht eine Straße zu überqueren erkennen, ob ein Auto, das Sie sehen noch so weit weg ist, dass Sie es schaffen die Straße vorher zu überqueren?
  • Warum können Sie ihre Geldbörse ohne hinzugucken in ihre Hosentasche stecken?

Hierzu benötigen Sie die noch drei andere Sinne.

Die taktile Wahrnehmung, deren Wahrnehmungsorgane in der Haut liegen.

Damit können wir Temperatur und Oberflächen wahrnehmen, wenn wir leicht darüber streichen. Wir können also fühlen, ob etwas weich und warm oder kalt und stachelig ist.

Wir können spüren, wenn die Hand eines anderen Menschen über unsere Haut streicht oder eine Spinne über unseren Arm läuft.

Manchmal erspüren wir etwas bewusst, wenn wir z. B. über eine Holzoberfläche streichen, um zu fühlen, ob sie überall glattgeschliffen ist oder geniesen das Gefühl über einen kühlen Seidenstoff zu streichen.

Die meiste Zeit läuft dieser Prozess aber im Alltag tausende von Malen automatisch ab. Wir müssen nicht darüber nachdenken und können über etwas Anderes nachdenken.

DieTiefenwahrnehmung, deren Rezeptoren an den Gelenken, Muskeln, Sehnen und Knochen liegen. Sie ermöglicht uns, die Stellung unserer Körperteile zueinander zu spüren, habe ich z. B. Den Ellenbogen gestreckt oder angewinkelt. Man kann Druck oder Zug an den Körperteilen einordnen, z. B. stehe ich auf meinen Füßen oder sitze ich oder zieht mich gerade jemand am Arm.

Auch hier läuft der Wahrnehmungsprozess meist automatisch ab, wie oft machen Sie sich Gedanken darüber, ob beim Laufen gerade der linke oder rechte Fuß auf dem Boden ist.

Die vestibuläre Wahrnehmung (Gleichgewichtssinn)deren Rezeptoren im Innenohr liegen, unterteilt sich in zwei Aufgabenbereiche. Einer ist dafür zuständig, uns unsere Ausrichtung zur Schwerkraft zu ermöglichen, also zu erkennen, wo ist oben und unten ist, der andere Bereich informiert uns über Beschleunigung und Richtungswechsel.

Wenn wir in einer Achterbahn fahren, ist es ein spannender Nervenkitzel, wenn wir für einen Moment nicht wissen, wo unten und oben ist oder wann wir nach rechts oder links geschleudert werden. Verliert man im Alltag die Orientierung ist das hochgradig beängstigend.

Jeder Reiz wird vom Gehirn eingeordnet in bekannt/unbekannt, wichtig/unwichtig und mit den anderen Reizen zusammengeführt und gedeutet, so dass wir und sicher in unserer Umwelt bewegen können.

Damit dieser Prozess ständig störungsfrei ablaufen kann, bedarf es viel Übung. Ein Kind beginnt schon im Mutterleib seinen Körper und seine Umgebung kennenzulernen. Bis wir dann die oben genannten Fähigkeiten, wie sicher über eine Straße zu gehen, beherrschen ist viel Übung notwendig. Beim Robben, Krabbeln, Anfassen und Beobachten lernt ein Kind immer wieder, wie weit ist etwas von ihm weg ist, wie fasst sich etwas an, wie muss man damit umgehen, wo passt sein Körper durch usw..

 

Kommt es dabei schon im Kindesalter zu Störungen, z. B. durch kurzen Sauerstoffmangel oder Frühgeburt, kann sich eine Wahrnehmungsverarbeitungsstörung entwickeln. Mögliche Symptome sind: das Kind fällt oft hin, stößt irgendwo an, ist ängstlich oder hat keine Gefahreneinschätzung, scheint nicht zuzuhören, hat Probleme beim Basteln und malen.

Auch bei Erwachsenen kann es zu sensomotorischen Integrationsproblemen kommen, z. B. nach einem Schlaganfall oder einem Hörsturz.

In der Ergotherapie wird das Reizangebot an jeden Patienten hinsichtlich der Dosierung und Materialien angepasst und es wird die Verknüpfung der Reize unterstützt.

Wenn Sie zu diesem Thema tiefergehende oder konkrete Fragen haben, können Sie uns gerne anrufen. Unser Team ist gerne für Sie da!

 

 

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