São Paulo – vom Tanz auf der Straße zum Training in der Halle

  • Kapitel I – Ankunft in São Paulo – Ich bin wohl ein Nutznießer
  • Kapitel II –Großstadtcharme und Einhornpyjamas – eine verrückte Party
  • Kapitel III  –Der Tanz auf der Straße und der gefährliche Heimweg
  • Kapitel IV –The real eat, train, sleep and repeat

 

 

Kapitel I – Ankunft in São Paulo – Ich bin wohl ein Nutznießer

Von AndomendaEigenes Werk, CC BY 3.0, Link

Das Flugzeug ist gelandet. Insgesamt 17 Stunden habe ich im Flieger verbracht. Auf geht’s zur Passkontrolle! Ich schreite mit großen Schritten voran und möchte einfach nur die brasilianische Luft schnuppern. Fehlanzeige.
Vor der Passkontrolle eine riesige Schlange. Das wird bestimmt noch eine halbe Stunde dauern, plötzlich Geschrei und Unruhe. Ich schaue mich um, ein Pärchen streitet sich, sie fluchen, wahrscheinlich? Ich verstehe natürlich nichts. Sie beginnen sich gegenseitig zu schubsen, ob das wohl gerade eskaliert? Ich bin keine Stunde im Land und schon überfordert. Und da kommen auch schon die Sicherheitskräfte. Puh.  Nichtsdestotrotz hat sich die Menschentraube noch nicht aufgelöst und weitere schaulustige Menschen stehen im Kreis und wollen wissen was passiert. Ich nutze die Gelegenheit und schleiche mich vor zur Passkontrolle, während alle natürlich abgelenkt sind. Das wäre geschafft. Gepäckanname und raus hier! Endlich beginnt das Abenteuer!

Sobald ich die Schiebetür des Flughafens durchquert habe, umhüllt mich das feuchte,  subtropische und äußerst warme Wetter. Es ist 06:00 Uhr am Morgen und nach nicht einmal 2 Minuten, bildet sich eine leichte Schicht von Schweiß auf meiner Haut. Die Sonne geht gerade auf, ich setze mich auf eine Bank.

Ich bin müde und sehr hungrig, möchte jedoch keine 12€ für ein Sandwich am Flughafen ausgeben – ich muss zu meiner Unterkunft. Über Airbnb.com habe ich ein Zimmer in einer privaten Wohnung gebucht, es war abgemacht, dass mich der Vermieter abholt. Er ist nicht da. Ich hab noch 12% Akku auf dem Handy und kenne die Adresse nicht. Tief durchatmen und warten. Wenn man soviele Stunden schon unterwegs ist, dann macht dies auch nichts mehr aus.

08:12 Uhr – Er ist da. Er entschuldigt sich, ich bin nicht nachtragend, wir fahren los und unterhalten uns. Ich werde die nächsten Wochen mit Paulo und seiner Mutter in einer Wohnung verbringen. Sie scheinen Beide nett zu sein. Auf dem Weg zur Wohnung fahren wir durch ärmere Viertel. Viele der Einwohner schlafen noch und zwar auf Matratzen auf dem Bürgersteig, manchmal liegt eine Flasche harter Alkohol daneben. Heruntergekommene Häuser mit zerbrochenen Fenstern und so weiter.  Das ist wohl die andere Seite der Medaille, die von der man nicht soviel als Europäer mitbekommt.

Wir sind in der Wohnung 10:17 Uhr. Paulos Mutter hat bereits Kaffee gekocht und mir ein Sandwich gemacht. Auch Sie spricht Englisch – Gott sei dank. Wir unterhalten uns kurz und ich lege mich schlafen. Immerhin muss ich fit für das Training sein!

Kapitel II
Großstadtcharme und Einhornpyjamas – eine verrückte Party

18:26 Uhr – ich erwache aus meinem komatösen Schlafzustand. VERDAMMT! Ich hab das Training direkt verschlafen. Ich akzeptiere es und schleppe mich in die Küche, um Wasser zu trinken. Paulo ist weg, seine Mutter ist aber noch da und sagt, dass in der Nähe die berühmte Avenida Paulista ist. Die wohl angesagteste Einkaufsstraße der Stadt. Ich zögere nicht lange, schnappe mir die Schlüssel und los.

Nach nur 3 Minuten bin ich schon da. Typisch Großstadt. Es erinnert mich an Istanbul oder Barcelona – Straßenkünstler, viele Menschen, die Einkaufscenter sind wie in jeder Großstadt; Pizza Hut, KFCund so weiter. Ich hatte mir mehr Individualität und Kultur nach ca. Knapp 10.000 km Reise erhofft. Aber nunja, São Paulo ist einer der größten Städte der Welt, was hab ich erwartet?

Ich laufe weiter die Avenida Paulista entlang bis ich plötzlich Musik höre. Der Bass ist so laut, dass er meinen Körper durchdringt.

Die Musik ist ein Remix aus Reggae und Electro. Ich bewege mich durch die Masse es riecht nach Gras und Alkohol. die Leute sind mega merkwürdig verkleidet. Anonymous-Masken, Einhorn-Pyjamas und so weiter. Es scheint kein System dahinter zu stecken. Ich weiß nicht was vor sich geht aber es sind viele Einheimische und die scheinen Spaß zu haben, also stelle ich mich an den Rand und schaue zu. Nach wenigen Minuten tanze ich etwas mit, ich werde ab und zu angesprochen, kann aber immer wieder nur mit den Worten, “Não fala portugêse” (Ich spreche kein portugiesisch) antworten. Bis mich zumindest ein junger Kerl auf Englisch anspricht, er erklärt mir, dass dies eine Abschlussfeier der Universität ist und die meisten Menschen hier “Graphic-Design” studiert haben. Er lädt mich noch auf ein Bier zu sich ein, ich lehne dankend ab und gehe nach Hause.

Gegen Ende des Abends schreibe ich eine Email, mithilfe von Paulo, an die Bjj-Akademie von Cicero Costha. Sie sagen, ich soll Montag um 12:00 Uhr kommen. Also morgen wieder kein Training. Na gut.

Kapitel III
Der Tanz auf der Straße und der gefährliche Heimweg

Sonntag – ich habe unruhig geschlafen. Heute ist wieder kein Training. Es ist nicht mehr lang bis zur Europameisterschaft und dies macht mich nervös. Ich gehe einkaufen und erkunde meine Umgebung. Gegen Abend geht es wieder Richtung Avenida Paulista. Nur diesmal ist alles anders!

Die Straße ist heute für Autos gesperrt. Es sind noch mehr Menschen als gestern unterwegs. Nur diesmal auch mit dem Skateboard, Longboard, Inlinern oder Fahrrad. Wie gern würde ich heute Longboard fahren. Besonders deswegen weil sich jeder ausprobiert sogar ein 50 jähriger Mann steht wackelig auf Inlineskatern und versucht sein Glück. Keiner schaut ihn krumm an oder lacht ihn aus. An den Straßenrändern verkaufen einheimische alles mögliche T-Shirts, Ketten, Spielzeug – ganz besonders auffällig sind die künstlerischen Werke, von denen ich aber keine Fotos machen darf. Darüber hinaus spielen hochkarätige Musiker auf der Straße, ich habe noch nie so viele gute Musiker auf einem Haufen auf der Straße spielen  gesehen.

Ich bleibe ab und zu stehen, sehr lange bleibe ich bei einer brasilianischen Band stehen. Denn hier passiert etwas tolles, die Leute tanzen pärchenweise zum brasilianischen Beat, während andere drumherum stehen und klatschen. Es sind ganz gewöhnliche Leute, keine Profis,  die hier tanzen. Aber anscheinend kann wirklich jeder tanzen.

Ich werde von einer ca. 20 jährigen angesprochen und verstehe natürlich nicht was Sie sagt, antworte mit meinem Standardsatz, “Não fala portugêse”.  Sie greift an meine Schulter und redet weiter, ich verstehe weiter hin nicht was sie möchte. Eine ältere Dame schaltet sich plötzlich ein, sie muss wohl um die 60 gewesen sein. Sie sagt aufgebracht, jedoch lachend irgendetwas. Die ältere Frau greift meine Hand und meine Schulter und macht Tanzbewegungen.

Nun habe ich Holzkopf doch tatsächlich auch verstanden worum es geht. Die junge Brasilienerin wollte mich zum Tanz auffordern und ich habe Sie abblitzen lassen. Sie wird es schon verkraften denke ich mir und zucke mit den Schultern und möchte damit sagen, ich “weiss nicht wie man hier tanzt.” Die Rentnerin reagiert wieder, die junge Dame ist nun komplett aussen vor. Die ältere Frau hingegen signalisiert mir, dass sie es mir beibringt. Ich denke mir nun gut, was soll es, es wird bestimmt lustig. Und das war es auch, nach einigen Minuten hatte ich die Schritteabfolge drauf und wir tanzten.

Ich tanzte 15 Minuten mit einer brasilianischen Rentnerin zu fremder Musik, in einer fremden Stadt, einen Tanz, den ich wenige Minuten zuvor gelernt hatte, während mir Leute zujubelnten. Wow.
Aber das reicht für heute – Ab mit dir nach Hause, Burak.

Auf dem Nachhauseweg wird es schon dunkel. Ich bin so in Gedanken dass ich die Straße, in die ich hätte abbiegen müssen, verpasse. Ich laufe einfach weiter. Als bemerke, dass ich komplett falsch bin, ist es schon Dunkel. Die Dämmerung kommt wohl sehr schnell in Brasilien.
Ich denke mir, dass ich rechts entlang laufen muss und dann noch einmal rechts und dann müsste ich doch wieder zu Hause? Oder? Verdammt ich hab mich verlaufen. Plötzlich bemerke ich auch, dass die Gegend in der ich mich befinde,  nicht die sicherste ist. Zerbrochene Scheiben, Matratzen auf dem Boden und komische Gestalten.

Und ich sehe natürlich aus wie ein Tourist, habe eine leichte Regenjacke an,  eine Tragetasche der Universität Kassel an mir und trage Schuhe von Nike.

Ich laufe an zwei Männern vorbei die zerrissenen Klamotten anhaben und nach Alkohol riechen. während ich vorbei laufe flüstern Sie sich etwas zu und laufen mir mit etwas Abstand hinterher. Ich bin nicht in Deutschland, ich würde es nichtmal verstehen, wenn Sie sagen würden, “Geld her oder ich Schiesse” und wenn ich es verstehen würde, wäre es wahrscheinlich zu spät.

Es ist merkwürdig dass Sie die ganze Zeit stehen und genau dann loslaufen,  nachdem ich bei Ihnen vorbei gelaufen bin. Ich denke mir, dass ich nun irgendwo abbiegen muss. Ich möchte aber auch nicht da lang laufen, wo ich mich nicht auskenne. Ich muss also den ganzen Weg noch mal zurück laufen, noch mal vorbei an den Männern. dies bedeutet für die Zwei, dass sie wissen, dass ich mich schon mal verlaufen habe – das ist schlecht. Wenn sie mich ansprechen und merken, dass ich auch noch kein Portugiesisch spreche, sieht es noch schlechter für mich aus. ein gefundenes Fressen. Ich habe mein Brillen- Etui in der Hand und bin fest entschlossen, falls etwas passieren sollte, es einem von beiden in das Gesicht zu schleudern, damit ich Zeit habe in Richtung Hauptstraße zu laufen. Ich überquere die Straßenseite. Sie folgen mir. Sehr merkwürdig.

Inzwischen schreite ich mit sehr großen Schritten voran. Hole einmal tief Luft und Spucke kräftig auf dem Boden. Ich war auf einer Problemschule und bilde mir ein, dass Sie vielleicht dadurch denken, dass ich ne harte Nuss bin.

Im Nachhinein, belustigt mich dieser Gedankengang nach einer Woche noch. Wenn sie mir nun mit meinem Schrrittempo folgen, ist es offensichtlich, dass sie etwas von mir wollen  – und das wissen Sie auch und geben zum Glück auf. Ich lasse sie hinter mir, finde den Weg nach Hause, dusche mich und ab in das Bett!

Kapitel IV
The real eat, train, sleep and repeat

10:30 Uhr Montag – Aufgeregt.

Das Training beginnt bald und es schüttet, wie ich es noch nie erlebt habe. Das ist egal. Heute kann mich nichts aufhalten! Regenschirm und Go!

Ich renne zur Metro. Fahre 20 Minuten, es schüttet immer noch. Ich muss aber 2,8 km zur Akademie laufen, angeblich fährt ein Bus. Nunja, da ich nicht verstehe, was genau auf diesen Bussen steht – bleibt mir  nichts anderes übrig als zu laufen.Ich werde diesen Weg, von nun an, jeden Tag laufen.

Hin und zurück. also laufe ich auch, der Regen nimmt ab und ich entdecken der Ferne verschiedene Leute mit Sporttaschen, die in ein Gebäude reinlaufen.

Das muss wohl die Akademie von Cicero Costa sein, ich erkenne die blaue Tür mit der Aufschrift “BJJ / 3% / CICERO COSTA”.

Diese Tür ist in der BJJ-Szene sehr bekannt. Ich gehe durch die Tür und rieche den immensen Schweißgeruch. Ich sehe eine große Mattenfläche, umzäunt – eine Bank davor. Nicht mehr nicht weniger. Hier haben also weltberühmte Kämpfer schon trainiert.

Ich setze mich auf die Bank und begrüße die Leute dort. Während ich warte, kämpfen schon andere Leute auf der Matte. Es ist anscheinend schon Training, man hört kaum jemanden reden, lediglich das Schnaufen der Kämpfer und die Bewegungen auf der Mattenfläche.

Nun ist die nächste Gruppe an der Reihe,  ich werde irgendeinem Partner zugelost,  der ungefähr 120 kg wiegt und ich mach mit ihm 1 Stunde lang Positionsdrills. 8 Minuten ich und 8 Minuten jeweils er, abwechselnd. Keiner zeigt irgendwelche Techniken, man übt einfach das was man üben möchte. Anschließend eine Stunde Sparring und Sparring heißt hier wirklich Sparring. Es gibt kein “light-rolling” jeder kämpft mit 100%.

Nach 2 Stunden Training tut mir alles weh, ich habe Durst. Es ist so schwül, dass mein Gesicht komplett nass ist und mir ständig schweiss von der Nase runterperlt.

Was nun? Die Jungs erklären mir, dass in 3 Stunden wieder Training ist. Auch wenn ich fertig bin, ich muss das durchhalten und am besten fange ich heute direkt mit dem vollen Programm an.

Wir gehen essen mit den Jungs; Hähnchen und Reis. Anschließend wieder auf die Matte – die Gis hängen und wir ruhen uns aus. Ich schlafe auf der Matte ein.
17:00 Uhr – weiter geht’s. Das gleiche Programm; eine Stunde Drills und eine Stunde Sparring. Nach vier Stunden Training schlendere Ich die 2,8 km wieder zur Metrostation-  Falle Zuhause ins Bett.

Die Halle öffnet um 9 Uhr morgens und schließt um 22 uhr abends. Rein theoretisch kann man den ganzen Abend trainieren.

Mein Ziel ist es, jeden Tag mindestens 2 Einheiten durchzuziehen.

Am Mittwoch schaffe ich sogar 3 Einheiten, also 5,5 Std Training.

Aber Donnerstag hab ich so ein emotionales tief, dass ich schon nach einer Einheit nach Hause gehe.

Heute ist Sonntag, mein einziger freier Tag. Ich brauche diesen Tag auch, die Woche war hart und morgen früh geht es weiter.

Für mich fällt das Sparring insgesamt so aus, dass ich zwar einigen das Leben schwer machen kann. Aber auch viele Leute in der Lage sind mich mühelos komplett zu zerstören.

Ich habe das Gefühl, viel zu langsam zu sein. Erst gegen Ende der Woche habe ich mich hier an das Tempo gewöhnt. Hier wird kein einziger Grip verschenkt und wenn man in der open guard ist, wird man so stark und so schnell attackiert, das man wirklich flink sein muss um die Position halten zu können.

Daruberhinaus kann hier jeder berimbolos. Einen Moment nicht aufgepasst und berimbolo. D.h. kämpfe dich heraus, während jemand deinen Rücken hat.

Insgesamt ist alles hier viel intensiver; das Wetter, der Krafteinsatz, die Schnelligkeit und die Präzision der Technik.

Ich habe nichts weiteres die Woche über gemacht, ich habe jeden Tag trainiert, bin nach Hause, habe gegessen und lag dann einfach nur noch im Bett.

Ich bin an der Grenze zum Übertraining. Meine Waden fühlen sich an wie Zement, einige Gelenke tun weh, ich habe Schürfwunden und blaue Flecken. Jedoch ist das nichts für das Lebensgefühl, welches ich im Austausch dafür erhalte. Ich bin wirklich zutiefst glücklich. Ich wurde freundlich aufgenommen und ich bin froh und dankbar, die Gelegenheit zu haben, mich täglich dem widmen zu können, was ich liebe.

Ich werde auch die kommende Woche hart trainieren, jedoch geht es am Freitag nach Rio de Janeiro. Ich bin gespannt wie es dort weitergeht, schließlich ist bald Weihnachten und Silvester.

Ich werde natürlich von mir, wie gewohnt, am nächsten Montag hören lassen. Ich wünsche Ihnen schon einmal schöne Festtage und bedanke mich für das Lesen.

Mit vielen Grüßen

Burak
 

 

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